Die Geschichten leben weiter

Frank Goosens Roman „Lovely Rita“ erzählt von den letzten Tagen der Kneipe.
Schwarzach Der Autor und Kabarettist Frank Goosen ist seit Jahren eine feste Größe der deutschen Kreativszene. Bekannt wurde der Bochumer unter anderem durch das Kneipen-Literaturkabarett „Tresenlesen“. Goosen ist mit dem Fußballverein VfL Bochum tief verwurzelt und widmete sich seiner Leidenschaft unter anderem im Roman „Weil Samstag ist“ und in seiner „Kicker”-Kolumne. In Bochum ist er so etwas wie der Autor aus dem Revier. Er füllt mit seinen Lesungen mühelos das Schauspielhaus. Nun ist sein Roman „Lovely Rita” erschienen.
Das Kneipensterben
Goosen wurde in Bochum geboren, studierte dort und lebt nach wie vor in seiner Heimatstadt. Nun zieht es den Autor hin zu einem anderen Thema: Der sterbenden Kneipenkultur im Ruhrgebiet. Besonders in Deutschland ist das Kneipensterben stark zu beobachten. „Spätis” eröffnen an jeder Ecke und bieten Rund um die Uhr Bier zu Spottpreisen an. Alteingesessene Kneipen werden hingegen immer seltener besucht und müssen ihre Tore schließen. So auch die Kneipe „Haus Himmelreich”, um die es sich in „Lovely Rita” dreht. In den kommenden Tagen sollen die Zapfhähne dort zum letzten Mal betätigt werden. Durch den Roman führt ein Journalist – sein Name wird nie erwähnt. Der Journalist schreibt einen Artikel über die letzten Tage der Kneipe. Dementsprechend besucht er für seine Recherche das „Haus Himmelreich”.
Rita, eine starke Frau
Im „Haus Himmelreich“ begegnet der Journalist vielen skurrilen Stammgästen. Retrogeräte wie die Jukebox NSM Prestige 120C und der Spielautomat Rotomat Regent erzählen ihre eigene Geschichte. Schnell wird klar, dass sich alles um die starke Frau Rita, die Besitzerin der Kneipe, dreht. Heute ist sie jedoch nicht im „Haus Himmelreich“ anzutreffen. Rita übernahm 1971 die Bar ihres verstorbenen Onkels – respektive Ersatzvaters. Lange wollte sie das nicht, denn eigentlich studierte sie. Ganz anders ist Chris, Ritas Schwester: Die freiheitsliebende Frau machte als Model Karriere und war viel auf Reisen. Eines Tages kehrte sie nach Deutschland zurück – mit ihrer Tochter Verena, die hier zur Schule gehen sollte. Lange dauerte es nicht, bis Chris wieder das Weite suchte. Doch sie ließ ihre Tochter zurück. Nun muss Rita die Bar schmeißen und sich zugleich um Verena kümmern. Ob sie zum letzten Zapfenstreich anwesend sein wird? Rita scheint spurlos verschwunden. Die Stammgäste – und die Leser – hoffen, dass die Kneipe ihr letztes Kapitel mit Rita schreibt. Ob Rita das genauso sieht, zögert Goosen gekonnt hinaus.
Humorvoll und ergreifend
Frank Goosens „Lovely Rita“ ist ein liebevoller und humorvoller und zugleich ergreifender Roman über die traurige Thematik des Kneipensterbens. Der Autor fängt die Stimmung gekonnt ein. Seien es die belanglosen Unterhaltungen Betrunkener oder die lustigen Anekdoten der Stammgäste – Goosen erzeugt so ein authentisches Kneipenleben. Doch es ist nicht nur eine Geschichte über die sterbende Kneipenkultur, sondern auch über starke Frauen und ein Leben, das nicht immer so verläuft, wie man es plant. Zwar wird mit dem „Haus Himmelreich“ eine weitere Kneipe ihre Tore schließen, doch in den Geschichten ihrer Stammgäste wird sie weiterleben.
Clarissa Berner