Die Linie als Abenteuer

Kultur / 29.04.2026 • 12:24 Uhr
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„Picasso. Handmade“ versammelt bis zum 1. November rund 90 Zeichnungen und Keramiken Christian Flemmingdes weltberühmten Künstlers.

Rund 90 Arbeiten geben in Lindau Einblick in Picassos spielerischen Umgang mit Papier und Ton

Lindau Mit einer Ausstellung, die den Blick bewusst von den ikonischen Gemälden weg und hin zum unmittelbaren künstlerischen Prozess lenkt, eröffnet das Museum Cavazzen in Lindau seine neu gestalteten Sonderausstellungsräume: „Picasso. Handmade“ versammelt von 2. Mai bis 1. November 2026 rund 90 Zeichnungen und Keramiken und führt damit mitten hinein in die Werkstatt eines Künstlers, dessen schöpferische Energie sich weniger im fertigen Bild als im fortwährenden Erkunden von Linie, Form und Material offenbart.

Die Schau widmet sich einem besonderen, oft unterschätzten Kapitel im Werk Pablo Picassos, indem sie jene Arbeiten in den Mittelpunkt rückt, die aus der unmittelbaren Hand heraus entstehen, schnell, tastend, experimentierend, und gerade dadurch eine erstaunliche Dichte an Ausdruck entwickeln. Zeichnungen und Keramiken, so unterschiedlich sie auf den ersten Blick erscheinen mögen, verbindet in Picassos Werk ein gemeinsames Prinzip: die Linie als Träger von Bewegung, Idee und Form. Ob flüchtig aufs Papier gesetzt oder in den noch weichen Ton geritzt, stets bleibt sie Ausdruck eines künstlerischen Denkens, das sich im Moment des Entstehens formt.

Unermüdlicher Erfinder

Die Ausstellung versammelt Arbeiten aus allen Schaffensphasen und spannt damit einen weiten Bogen von frühen Zeichnungen bis zu den berühmten Keramiken aus Vallauris in Südfrankreich, wo Picasso ab den späten 1940er Jahren ein neues Kapitel seiner Arbeit aufschlug. Gerade diese keramischen Werke zeigen ihn als unermüdlichen Erfinder, der traditionelle Formen aufbricht, Gefäße in Bildträger verwandelt und in der Verbindung von Malerei und plastischem Objekt eine eigene Bildsprache entwickelt.

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Präsentiert wird die Schau im Cavazzen Museum, das nach umfangreicher Sanierung im vergangenen Jahr wiedereröffnet wurde. Christian Flemming

Kuratiert wird die bislang umfangreichste Picasso-Präsentation in Lindau von Professor Roland Doschka und Sophie Sümmermann, die an eine bemerkenswerte Ausstellungstradition anknüpfen: Seit 2011 haben rund eine Million Besucherinnen und Besucher die Kunstausstellungen in Lindau erlebt. Hochkarätige Leihgaben aus internationalen Museen und bedeutenden Privatsammlungen unterstreichen auch diesmal die Strahlkraft des Standorts.

Dabei geht es nicht um die Feier eines entrückten Genies, sondern um die Begegnung mit einem Künstler, der im Tun denkt, der Material als Gegenüber begreift und der in jeder Linie eine neue Möglichkeit sucht. „Picasso. Handmade“ eröffnet so einen direkten Zugang zu einem Werk, das sich immer wieder neu erfindet und gerade in seiner Offenheit fasziniert.

Die Spuren seiner Hand

Ein breit angelegtes Vermittlungsprogramm richtet sich an Kunstinteressierte aller Altersgruppen, an Schulklassen ebenso wie an ein neugieriges Publikum, und vertieft den Zugang zu Picassos Arbeitsweise. Die Ausstellung lädt dazu ein, den Künstler jenseits seiner kanonisierten Bilder neu zu entdecken und die Spuren seiner Hand als eigentlichen Ausgangspunkt seiner Kunst zu begreifen.

Eröffnet wird die Schau am 1. Mai mit einer öffentlichen Vernissage, die weit über das Museum hinausreicht: Auf dem Marktplatz verwandelt der Künstler Gregor Eisenmann die barocke Fassade des Cavazzen in ein Lichtkunstwerk, während die Vorarlberger Band “The Monroes” für musikalische Begleitung sorgt. Ab 18 Uhr beginnt der Ausschank, um 19 Uhr startet der offizielle Teil, kurz darauf öffnen sich die Türen zur Ausstellung, ehe gegen 21 Uhr die Lichtshow den Abend beschließt und den Auftakt zu einem Ausstellungsprojekt markiert, das Lindau einmal mehr als internationalen Kunstort positioniert.