Wenn Puppen die Welt erklären

Kultur / 07.05.2026 • 11:32 Uhr
Wenn Puppen die Welt erklären
Die künstlerische Leiterin Susi Claus hat auch in diesem Jahr wieder ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt.philipp steurer

Das 35. Figurentheaterfestival Homunculus verbindet Märchen, Musik, Erinnerung und Gegenwart.

Hohenems Mit seiner 35. Ausgabe präsentiert sich das Figurentheaterfestival Homunculus in Hohenems als ein ebenso konzentriertes wie überraschend weit ausgreifendes Panorama einer Kunstform, die sich längst von ihrem vermeintlich kindlichen Ursprung emanzipiert hat und heute mit beeindruckender Selbstverständlichkeit zwischen Poesie, Gesellschaftsanalyse und musikalischer Erzählung oszilliert. Über mehrere Tage hinweg entfaltet sich ein Programm, das bewusst unterschiedliche Zugänge eröffnet und dabei sowohl junge Zuschauerinnen und Zuschauer als auch ein erwachsenes Publikum ernst nimmt.

Erinnerungen

Am Freitag setzt Susi Claus mit „Buba Huba“ einen dichten, atmosphärisch aufgeladenen Akzent. In einer nahen Zukunft, die als karges Ödland entworfen ist, folgt ein Kind seiner Neugier und stößt auf die widersprüchlichen Erinnerungen eines alten Mannes, dessen Geschichten von einer verlorenen, einst lebendigen Welt erzählen. Zwischen Projektionen, Musik und Figurenspiel entsteht eine Fabel über menschliche Habgier, ihre Folgen und die fragile Möglichkeit von Hoffnung, getragen von der klaren künstlerischen Handschrift der Autorin und Performerin.

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Einen bewussten Kontrast dazu bildet Pierre Schäfers Zugriff auf die Märchenwelt. In „Märchen Comedy“ und „Hase & Igel“ verwandelt er bekannte Stoffe in rasante, pointierte Theaterabende, in denen präzise geführte Figuren, lebendige Dialoge und ein feines Gespür für Rhythmus das Publikum unmittelbar erreichen. Hier zeigt sich die Leichtigkeit des Genres, ohne dessen erzählerischen Kern preiszugeben.

Liederabend

Doch Homunculus bleibt nicht beim Spielerischen stehen. Mit „Einer von euch sein“ rückt eine szenische Lesung auf Grundlage historischer Dokumente die Erfahrung von Ausgrenzung im Nationalsozialismus ins Zentrum. Aus kindlicher Perspektive entfaltet sich ein beklemmendes Bild jener Jahre, in denen Sprache, Gesten und Zugehörigkeit neu codiert wurden. Das Figurentheater erweist sich dabei als überraschend präzises Medium der Erinnerung.

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Lutz Edelhoff

Auch musikalisch öffnet sich das Festival: Wenzel bringt mit „Strandgut der Zeiten“ einen Liederabend auf die Bühne, der zwischen Nachdenklichkeit und Widerständigkeit balanciert und die Gegenwart in poetischen Bildern spiegelt. Parallel dazu widmen sich Produktionen wie „Vom Fuchs, der den Verstand verlor“ dem Thema Alter und Vergessen, während „Geierwally“ alpine Erzähltraditionen mit tragikomischem Zugriff befragt.

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Für Familien bieten Inszenierungen wie „Die Musketiere“ oder „Hühner“ humorvolle und zugleich kluge Zugänge zu Fragen des Zusammenlebens, während Klassiker wie „Hänsel & Gretel“ oder „Der standhafte Zinnsoldat“ zeigen, wie zeitlos und wandelbar vertraute Geschichten bleiben. So entfaltet das Festival in seiner 35. Ausgabe bis zum 15. Mai ein vielschichtiges Geflecht aus Stimmen, Bildern und Themen, in dem sich die Möglichkeiten des Figurentheaters in bemerkenswerter Klarheit und Vielfalt spiegeln.