Die leisen Entscheidungen der Geschichte

Dimitré Dinev stellt im Theater Kosmos seinen neuen Roman „Zeit der Mutigen“ vor.
Bregenz Mit Dimitré Dinev ist am Mittwoch, 13. Mai, um 19.30 Uhr im Theater Kosmos Bregenz ein Autor zu erleben, dessen literarische Arbeit seit Jahren durch eine selten gewordene Verbindung aus historischer Tiefenschärfe und erzählerischer Präzision geprägt ist. Im Zentrum seines Romans „Zeit der Mutigen“, für den er mit dem Österreichischen Buchpreis 2025 ausgezeichnet wurde, steht ein historischer Raum, der sich über das 20. Jahrhundert europäischer Geschichte erstreckt, wobei der Fokus konsequent auf den individuellen Lebensgeschichten jener Menschen bleibt, die diese Zeit durchschreiten.
Dinev, 1968 im bulgarischen Plowdiw geboren und seit den frühen 1990er-Jahren in Wien lebend, hat sich mit Werken wie „Engelszungen“ eine unverwechselbare Stimme erarbeitet, die von ruhigem Erzählen ebenso getragen ist wie von einem genauen Blick für gesellschaftliche und politische Verwerfungen. Auch „Zeit der Mutigen“ knüpft an diese erzählerische Linie an und führt sie in einer Form weiter, die zugleich konzentrierter und weitgespannter wirkt.
Zu Beginn steht ein dramatischer Moment: der versuchte Selbstmord des unehrenhaft entlassenen Dienstmädchens Eva, die von einem k. u. k. Leutnant zurückgehalten wird, nur um kurz darauf von ihm verlassen zu werden. Aus dieser Erfahrung heraus meldet sie sich als Krankenschwester im Ersten Weltkrieg und wird später gemeinsam mit Xaver Kniewasser zur prägenden Figur einer Familie, die in der Wachau nahe der Donau lebt. Parallel dazu entfaltet sich die Geschichte einer Roma-Familie in Bulgarien, mit Gjuro und Lale als Ältesten und ihrer Tochter Kera, die sich von einem Tiroler Soldaten schwängern lässt, weil ihr Mann Barko keine Kinder zeugen kann.
Vielschichtiges Panorama
Dieser Soldat bildet das unsichtbare Bindeglied zwischen den beiden Familien, ohne selbst um diese Verbindung zu wissen. Eine Kugel in seinem Kopf hat ihm jede Erinnerung genommen, sodass er, als er fliehen muss, mit den Papieren eines Vermissten bei den Kniewassers Aufnahme findet. Währenddessen wird Keras Mann Barko in das kommunistische Lager Belene verschleppt, wo er als Totengräber arbeitet und tief traumatisiert zurückkehrt. Dinev schildert diese Passagen mit großer Eindringlichkeit und zeigt zugleich, wie die Roma ihrer Lebensweise beraubt, zur Sesshaftigkeit gezwungen und weiterhin ausgegrenzt werden.
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Mit großer Ruhe entfaltet der Autor ein vielschichtiges Panorama, das sich zwischen Osteuropa und dem Westen spannt, zwischen Herkunft und Aufbruch, zwischen Erinnerung und Gegenwart. Die historischen Entwicklungen bilden dabei einen Resonanzraum, in dem sich individuelle Erfahrungen verdichten. Besonders bemerkenswert ist die Art, wie der Roman den Begriff des Mutes fasst: nicht als heroische Pose, sondern als fragile Haltung, die sich im Alltag bewähren muss. Dinevs Figuren handeln nicht aus Gewissheit, sondern trotz ihrer Zweifel, und gerade darin liegt die nachhaltige Kraft dieses Romans.
Die Veranstaltung findet auf Einladung des Franz-Michael-Felder-Archivs der Vorarlberger Landesbibliothek statt und wird von Jürgen Thaler moderiert, der Eintritt beträgt 12 Euro.