Schönes gibt es überall

VN Kommentar von Walter Fink.
Wir waren in jüngerer Zeit an wunderbaren Orten, Städten des Südens vor allem. Beginnend in Rom, dann in Triest, auf dem Weg dorthin in Brixen und Trient. Wir haben Kirchen und Baudenkmäler, verwinkelte Straßen und große Plätze, Wohnhäuser und Schlösser sowie Flüsse und das Meer gesehen. Die alten Worte von Gottfried Kellers „Abendlied“ kamen mir mehr als einmal in den Sinn: „Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluss der Welt!“ Und nun sind wir unterwegs am Bodensee, in den Städten des kleineren, aber ebenso schönen Gewässers. Wohin wir schauen die gleiche Schönheit. Rainer Maria Rilke hat in der Nähe von Triest, in Duino, 1911 seine großartigen Elegien begonnen, am Bodensee hat er schon früher, 1897, eines der schönsten Gedichte zum See geschrieben: „Die Dörfer, sie sind wie ein Garten, / in Türmen von seltsamen Arten / klingen die Glocken wie weh …“ So schön, so wahr. Am Bodensee haben wir noch einen Vorteil: Wir können alle Orte auf die beste Art, nämlich mit den Schiffen der Weißen Flotte, erreichen, wir müssen uns nur die Zeit dafür nehmen.
Es gibt so viel Schönes, Interessantes, Geschichtsträchtiges um diesen See, dass man es kaum benennen kann. Die alte Bischofsstadt Konstanz etwa mit ihrem Konzilsgebäude, in dem 1417 das katholische Schisma mit der Papstwahl von Martin V. beendet wurde. Beerdigt wurde Martin V. 1431 in der ältesten und wichtigsten römischen Papstbasilika San Giovanni in Laterano. Noch etwas, Unschönes, verbindet das Konstanzer Konzil mit Rom. In Konstanz wurde der tschechische Reformer Jan Hus – obwohl ihm von König Sigismund freies Geleit zugesichert war – 1415 als Ketzer verbrannt. Und sein Freund, der ihm zu Hilfe eilende Hieronymus von Prag wurde kurz später ebenso auf den Scheiterhaufen gestellt. Ähnliches geschah in Rom viel später, nämlich 1600, dem großen Mönch, Dichter und Philosoph Giordano Bruno, der als Anhänger der Kosmologie von der Inquisition auf den Scheiterhaufen geschickt wurde. Auf dem schönen Campo de fiori mitten in Rom wurde er verbrannt, dort steht heute sein Denkmal. Und – nur nebenbei – ein Konzil gab es 1545 – 1563, also kurz nach der Reformation durch Martin Luther, auch in Trient. Dort wurde eine Antwort auf Luther gesucht und die Gegenreformation eingeleitet. Viele Verbindungen also von Nord nach Süd – auch weniger grausame, kulturelle. So war der Südtiroler Oswald von Wolkenstein, der letzte Minnesänger, im Gefolge von König Sigismund am Konstanzer Konzil. Schrieb dort auch Gedichte, unter anderem „O wonnigliches Paradies“. Gestorben ist er 1445 in Meran, sein marmorner Relief-Grabstein findet sich in der Hofburg von Brixen.
In manchen Dingen sind wir hier den großen Zentren sogar voraus. Nirgends gibt es eine solche Konzentration von spätkarolingischen, ottonischen und romanischen Kunstwerken wie auf der Insel Reichenau. Die drei Kirchen, vor allem St. Georg in Oberzell, bergen einen Schatz an Fresken, der seinesgleichen sucht. Kaum einmal kann man einen solchen Gesamteindruck von der künstlerischen Ausgestaltung eines Gotteshauses finden wie hier. Alles ganz nahe bei uns. Wir brauchen nur auf ein Schiff zu steigen und sind in ein paar Stunden dort. Kommen erholt an und haben Zeit, uns dem Schönsten zu widmen.