Ein großes literarisches Leben ist verstummt

Monika Helfer ist im Alter von 78 Jahren gestorben. Mit ihr verliert die deutschsprachige Literatur eine ihrer bedeutendsten Schriftstellerinnen.
Hohenems Monika Helfer ist tot. Die Vorarlberger Schriftstellerin starb am Samstag infolge eines tragischen Unfalls. Mit ihr verliert die deutschsprachige Literatur eine ihrer bedeutendsten Erzählerinnen, Vorarlberg eine unverwechselbare Stimme. Ihre Familie verliert eine Mutter und Großmutter, ihr Mann Michael Köhlmeier seinen Lebensmenschen und viele eine warmherzige Freundin.

Monika Helfer konnte mit wenigen Sätzen ein ganzes Leben öffnen. Sie brauchte dafür keine großen Gesten. Ein Blick, ein abgebrochener Satz, eine Hand auf einer Tischkante genügten, und plötzlich stand ein Mensch vor uns – mit seiner Sehnsucht, seiner Scham und seiner Verwundbarkeit. Ihre Literatur suchte nie das Laute und entfaltete gerade darin eine ungeheure Kraft. Helfer schrieb über jene, die leicht übersehen werden: über Kinder und Außenseiter, Arme, Versehrte und Verlassene. Ihr Blick war genau, manchmal schonungslos, doch nie ohne Wärme, niemals ohne Mitgefühl. Sie wusste, dass in jeder Familie Geheimnisse liegen, dass Liebe und Verletzung dicht nebeneinander wohnen. Erinnern war für sie ein tastendes Annähern an das, was gewesen sein könnte und dennoch fortwirkt.

Geboren wurde Monika Helfer 1947 in Au im Bregenzerwald. Die Kindheit auf der Tschengla, der frühe Tod der Mutter, die Trennung der Geschwister, Armut und Bücher prägten ihr Leben und ihr Schreiben. 1977 erschien ihr Debüt „Eigentlich bin ich im Schnee geboren“. Werke wie „Oskar und Lilli“ und „Schau mich an, wenn ich mit dir rede!“ ließen früh erkennen, welch außerordentliche Schriftstellerin hier schrieb. Auch wenn sich die große öffentliche Anerkennung erst später einstellen sollte, war ihre literarische Bedeutung längst unübersehbar.

Mit „Die Bagage“ gelang ihr 2020 der Durchbruch zu einem sehr großen Publikum. In diesem dichten Roman erzählte sie von ihrer Großmutter Maria und einer Familie am Rand des Dorfes, über die geredet, geurteilt und verfügt wird. „Vati“ galt dem bücherliebenden, vom Krieg versehrten Vater, „Löwenherz“ dem Bruder Richard. Helfer machte aus der Familiengeschichte keine private Chronik. Sie verwandelte sie in Literatur über Herkunft und Scham, Zärtlichkeit und Versäumnis, über das, was Menschen einander schuldig bleiben. Ihre Bücher waren persönlich, aber nie selbstgefällig; schmerzlich, aber niemals rührselig. Familie war für sie ein Zusammenhang aus Liebe, Schuld, Fürsorge, Erinnerung und Lücken, die kein Satz mehr schließen kann.

Ihre Sprache war klar und knapp, zugleich voller Wärme und Eigensinn. Das Alltägliche wurde geheimnisvoll, das Traurige komisch, das scheinbar Nebensächliche existenziell. Bis zuletzt blieb diese Kunst lebendig. 2016 erhielt sie das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse. „Schau mich an, wenn ich mit dir rede!“ stand 2017 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. 2020 folgte der Solothurner Literaturpreis für ihr Gesamtwerk, ein Jahr später der Bodensee-Literaturpreis. Für „Die Bagage“ erhielt sie 2021 den Schubart-Literaturpreis, „Vati“ gelangte im selben Jahr auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. 2022 wurde sie mit dem Johann-Peter-Hebel-Preis ausgezeichnet; „Bettgeschichten und andere“ stand auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises. 2024 erhielt sie für „Die Bagage“ den Mitteleuropäischen Literaturpreis Angelus, 2025 wurde ihr beim Bruno-Kreisky-Preis der Preis für ihr publizistisches Gesamtwerk zugesprochen. Im Januar 2026 nahm sie die Carl-Zuckmayer-Medaille entgegen, im März wurde ihr für „Sie wollten sich trennen“ der Boccaccio.cc-Preis für die beste Erzählung des Jahres 2025 überreicht.

Über viele Jahre war Monika Helfer den Leserinnen und Lesern der „Vorarlberger Nachrichten“ als Kolumnistin vertraut. Sie konnte einen Menschen in wenigen Zeilen sichtbar machen und einen gewöhnlichen Tag so erzählen, dass er plötzlich größer erschien. VN-Chefredakteurin Isabel Russ würdigt die Verstorbene: „Mit Monika Helfer verlieren die Vorarlberger Nachrichten nicht nur eine außergewöhnliche Kolumnistin, sondern auch eine große Erzählerin und einen ganz besonderen Menschen. Über viele Jahre hat sie unsere Leserinnen und Leser mit ihrer unverwechselbaren Sprache, ihrem feinen Blick auf das Leben und ihrer großen Menschlichkeit berührt. Ihre Texte waren klug, warmherzig, oft überraschend und immer von einer tiefen Anteilnahme an den Menschen geprägt. Wir sind sehr dankbar, dass Monika Helfer ein Teil unserer Zeitung war. Ihr Tod erfüllt uns mit großer Trauer. Unser tiefes Mitgefühl gilt Michael Köhlmeier und ihrer Familie.“
Klug, offen, herzlich, humorvoll
Wer Monika Helfer begegnete, erlebte keine Autorin, die ihren Rang vor sich hertrug. Sie war offen, herzlich, humorvoll und frei von Pose. Sie konnte zuhören, ohne schon auf die eigene Antwort zu warten. Gemeinsam mit Michael Köhlmeier bildete sie über Jahrzehnte ein außergewöhnliches Schriftstellerpaar, verbunden im Leben, in der Familie und im Erzählen, ohne dass die Stimme des anderen je leiser wurde. Ihr Haus in Hohenems war voller Bilder, Bücher, Erinnerungen und Geschichten. Michael Köhlmeier sagte über sie: „Monika gehört für mich zu den begnadetsten Short-Story-Autorinnen überhaupt, und das sage ich ganz bewusst. Ich übertreibe nicht: Sie ist, das meine ich sachlich, schlicht Weltklasse.“
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Youtube angezeigt.
Noch im Frühjahr 2025 erzählte Monika Helfer, mit Michael gehe es immer fröhlich zu. Nach dem Geheimnis einer langen Liebe gefragt, antwortete sie: „Sei vorsichtig, dass nichts kaputtgeht.“ Mehr als vier Jahrzehnte lang hatten sie auf diese Liebe achtgegeben, miteinander geschrieben und gelebt, Erfolge gefeiert und mit dem Tod ihrer Tochter Paula den schwersten denkbaren Verlust getragen. Monika Helfer wird fehlen: ihrer Familie, ihren Freundinnen und Freunden, ihren Leserinnen und Lesern. Sie fehlt Vorarlberg, dessen Landschaft, Sprache und Menschen sie in die große Literatur hineingeschrieben hat. Doch ihre Bücher bleiben: schmale, kostbare Bände, in denen so viel Leben Platz findet. Wer sie aufschlägt, wird ihre Stimme wieder hören – leise, genau, mitfühlend und manchmal verschmitzt. Sie selbst schrieb einmal: „Wenn es ein Vermächtnis ist, was eine Schriftstellerin hinterlässt, dann soll es wahr und zugleich ein Rätsel sein.“ In ihrem Werk ist ihr genau das gelungen: Sie hat sich in fremde Leben hineingeschrieben und dabei immer auch etwas von uns selbst sichtbar gemacht.

Nach dem Tod ihrer Tochter Paula sagte Monika Helfer einmal: „Das kann doch nicht das Ende sein. Ich sehe sie wieder.“ Ein Satz, der nun wie ein letzter Trost klingt.