Leiden als Luxus der Vergangenheit

Kultur / 03.08.2026 • 14:28 Uhr
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“Passion of the Common Man” ist formal kühn, inhaltlich radikal, klanglich von großer Schönheit.Anja Köhler/BF

Passion of the Common Man – Uraufführung auf der Werkstattbühne der Bregenzer Festspiele

Bregenz Was bleibt vom Menschen, wenn der Schmerz abgeschafft ist? Diese Frage stellt das Auftragswerk der Bregenzer Festspiele mit einer Dringlichkeit, die unter die Haut geht. Auch weil die dystopische Welt, in die es führt, beunruhigend vertraut wirkt. “Passion of the Common Man”, das weltliche Oratorium des isländischen Komponisten Daníel Bjarnason nach einem Libretto des kanadischen Pulitzer-Preisträgers Royce Vavrek, ist ein außergewöhnlicher Wurf: formal kühn, inhaltlich radikal, klanglich von großer Schönheit.

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Anne Sofie von Otter als Evangelist.Anja Köhler/BF

Die Grundidee ist ebenso einfach wie erschütternd. In einer nahen Zukunft, in der Pflanzen im Labor wachsen, Algorithmen Zuneigung ersetzen und die Medizin jeden körperlichen wie seelischen Schmerz auslöscht, hat das Leiden seinen Sinn verloren. Übrig bleibt ein Einzelner, der stellvertretend leidet – das archetypische Motiv jeder Passion, übertragen in die Gegenwart. Bjarnason und Vavrek greifen bewusst die Struktur der Bachschen Passionen auf, öffnen sie jedoch für existenzielle Fragen des 21. Jahrhunderts: Was bedeutet Empathie in einer Welt, die Schmerz nur noch als Fehler im System begreift?

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Anja Köhler/BF

Bjarnasons Musik ist der Triumph des Abends. Traumwandlerisch sicher bewegt sie sich zwischen Orchesterklang und elektronischer Klangsprache, zwischen kontemplativer Stille und expressiver Wucht. Die Partitur atmet den Geist Bachs, ohne ihn je zu kopieren: Die Choräle bleiben erkennbar, sind jedoch fremdartig gebrochen; die Arien entfalten eine lyrische Intimität, die das Symphonieorchester Vorarlberg unter Bjarnasons eigener Leitung mit feinem Gespür für Dynamik und Farbe ausleuchtet. Der von Peter Dijkstra einstudierte Chor des Bayerischen Rundfunks verleiht dem Werk seine gemeinschaftliche Dimension: Er ist Resonanzkörper einer Gesellschaft, die das Fühlen verlernt hat.

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Anja Köhler/BF

Die sängerische Besetzung ist makellos. Anne Sofie von Otter verleiht dem Evangelisten – hier neu gedacht als Figur zwischen Gesang und Sprache – eine Tiefe und Autorität, die das Publikum vom ersten bis zum letzten Moment in Atem hält. Ihre Mezzostimme trägt die Erzählung mit jener Mischung aus kühler Präzision und innerer Wärme, die dem Werk seinen emotionalen Kern gibt. Emma Kajander überzeugt mit leuchtendem, sicher geführtem Sopran; Aaron Godfrey-Mayes und Jacques Imbrailo ergänzen das Ensemble mit stimmlicher Substanz und szenischer Präsenz.

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Anja Köhler/BF

Regisseurin und Designerin Netia Jones, stellvertretende Leiterin der Oper am Royal Opera House in London, verwandelt die Werkstattbühne in einen immersiven Erfahrungsraum. Licht, Video und Raumgestaltung greifen ineinander, ohne je zu bedrängen oder zu überwältigen. Das Visuelle bleibt Dienerin der Musik und gerade darin liegt seine Stärke. Wenn sich die Bühne in sterile Laborwelten verwandelt und plötzlich zu etwas Unbestimmbarem, Menschlichem öffnet, entwickelt das eine Unmittelbarkeit, die kein Programmhefttext vorwegnimmt.

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Anja Köhler/BF

Passion of the Common Man spendet keinen Trost. Das Werk fordert heraus, verstört und bewegt schließlich – im besten Sinne.

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Anja Köhler/BF