Baustelle Landestheater: “Meine Aufgabe ist es, das Vertrauen wieder aufzubauen”

Der Wiener Ali M. Abdullah ist seit einer Woche Intendant am Vorarlberger Landestheater. Im VN-Interview spricht er über seine ersten Arbeitstage und darüber, wie er wieder Ruhe in turbulente Zeiten bringen möchte.
Bregenz Nach turbulenten Monaten soll am Vorarlberger Landestheater wieder Ruhe einkehren. Nach der Kündigung und Freistellung von Stephanie Gräve übernimmt der Wiener Regisseur Ali M. Abdullah für zwei Spielzeiten interimistisch die Intendanz. Während das Haus bühnentechnisch saniert wird und auf Ausweichsspielstätten zieht, soll er den künstlerischen Fokus wieder in den Vordergrund rücken. Abdullah bringt viel Erfahrung aus der Wiener Theaterlandschaft mit: Von 2014 bis 2023 leitete er das WERK X, zuvor stand er an der Spitze der GARAGE X. Zuletzt war der 59-Jährige als freier Autor und Regisseur tätig. Im VN-Interview spricht Abdullah über verlorenes Vertrauen, seine Pläne für das Landestheater und die Frage, wie er auch ein jüngeres Publikum wieder für das Theater gewinnen will.

Sie sind nun seit einer Woche Intendant am Vorarlberger Landestheater. Wie waren die ersten Arbeitstage für Sie?
Abdullah: Es ist spannend, weil ich gerade sehr viele neue Menschen kennenlerne. Dieses gegenseitige Kennenlernen ist für mich die Basis für eine gute Zusammenarbeit. Ich finde es gut, dass die KuGeS entschieden hat, dass wir mit demselben künstlerischen Stab auch in den nächsten zwei Jahren weitermachen. Es sind unheimlich nette Menschen, und ich bin sehr herzlich aufgenommen worden. Am Wochenende war ich viel in der Stadt unterwegs und habe Bregenz ein bisschen kennengelernt. Die Menschen hier sind sehr offen und herzlich.
Wie kam es zu Ihrer Bestellung als interimistischer Intendant?
Abdullah: Der Aufsichtsrat ist auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich Interesse hätte. Bei unserem ersten Treffen haben wir schnell gemerkt, dass es passen könnte. Nach weiteren Gesprächen und einem Hearing fiel schließlich die Entscheidung, mir die Leitung für zwei Jahre anzuvertrauen. Normalerweise hat ein Intendant rund eineinhalb Jahre Vorlaufzeit, um ein Theater, die Stadt und vor allem das Publikum kennenzulernen. Diese Zeit hatte ich hier nicht. Deshalb muss ich jetzt sehr schnell herausfinden: Wer ist unser Publikum, was interessiert die Menschen hier, und was passt zu diesem Theater? Dabei hilft mir das sehr eingespielte und hoch professionelle Team enorm. Die laufende Spielzeit ist bereits fertig programmiert, an der kommenden arbeiten wir gerade intensiv.

Welche Berührungspunkte haben Sie mit Vorarlberg?
Abdullah: Bislang noch relativ wenige. In Wien spiele ich regelmäßig mit einer Gruppe von Vorarlbergern Fußball. Sie haben mir das Land schon ein Stück nähergebracht und mir natürlich auch einige Tipps mitgegeben. Ich merke, dass die Vorarlberger in Wien eine große Verbundenheit zu ihrer Heimat haben. Darüber ist ein schöner Austausch entstanden.
Sie kommen als Außenstehender in ein Haus, das von Konflikten und Unsicherheit geprägt ist. Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um, was können Sie machen, um wieder Ruhe hineinzubringen?
Abdullah: Theater funktioniert in erster Linie über Vertrauen. Die vergangenen Monate haben die Schauspieler und auch viele andere am Haus beschäftigt. Dabei ist einiges an zerbrochenem Geschirr entstanden, und das muss man jetzt auch erst einmal wieder aus dem Weg räumen. Meine Aufgabe sehe ich darin, dieses Vertrauen wieder aufzubauen – innerhalb des Hauses, aber genauso auch nach außen. Ich möchte allen vermitteln, dass das Landestheater unter einer gut organisierten künstlerischen Führung steht. Und vor allem möchte ich, dass die Menschen wieder gerne ins Theater kommen und nicht abgeschreckt sind von den Themen, mit denen das Haus zuletzt in den Schlagzeilen war. Dafür müssen wir den Fokus wieder auf das Inhaltliche lenken.

Welche Rolle wird die bisherige künstlerische Planung in Wien für Ihre Arbeit in Vorarlberg spielen?
Abdullah: Meine Schublade ist voller Ideen, aber ich stehe natürlich noch am Anfang. Für mich muss die Programmierung vor allem zum Ensemble passen. Ich werde keinen ‚King Lear‘ spielen, wenn wir keinen King Lear haben. Gleichzeitig möchte ich meine eigene Handschrift einbringen: gesellschaftskritische Stoffe, die das Publikum zum Nachdenken anregen, aber genauso Unterhaltung, Humor und Komödie. Lachen gehört für mich ganz wesentlich zum Theater. Wenn ich über mich selbst lachen kann, ist das oft der Anfang einer kritischen Auseinandersetzung mit mir selbst. Und klar ist auch: Vorarlberger Themen und Autoren sollen weiterhin ihren Platz haben.
Sie wollen zum Nachdenken anregen, aber auch unterhalten. Kann das auch ein Schlüssel sein, um jüngere Menschen fürs Theater zu begeistern?
Abdullah: Das jüngere Publikum interessiert mich sehr. Gerade die 25- bis 45-Jährigen sehen wir kaum im Zuschauerraum. Diese Zielgruppe möchte ich wieder stärker ansprechen: Was interessiert diese Menschen, welche Themen bringen sie ins Theater? Ich glaube, da ist uns ein Teil des Publikums verloren gegangen. Das wieder zu ändern, ist mir ein großes Anliegen. Ob es mir gelingt, werden wir sehen.
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Die Sanierung zwingt das Landestheater, an verschiedenen Orten im Land zu spielen. Welche Chancen sehen Sie darin?
Abdullah: Das kann eine große Chance sein: Wir können die Menschen an den anderen Orten für unsere Arbeit begeistern und sie vielleicht dazu bewegen, im nächsten Jahr zu uns ins Theater zu kommen. Ich denke aber auch längerfristig. Wenn daraus ein nachhaltiger Austausch entsteht, können neue Begegnungen stattfinden und vielleicht auch neue Projekte entstehen.

Wenn Sie in die Zukunft blicken: Welche Spuren wollen Sie nach zwei Jahren in Vorarlberg hinterlassen haben?
Abdullah: Ich würde mir wünschen, dass man am Ende sagt: Er hat das Landestheater in einer turbulenten Situation übernommen, das Haus wieder zusammengeführt und den Fokus zurück auf die Inhalte gelenkt. Und dass im zweiten Jahr Produktionen entstanden sind, die vielleicht auch neue Impulse für die Kunstregion Vorarlberg gesetzt haben. Im Moment denke ich erst einmal an diese zwei Jahre. Meine Familie lebt in Wien. Wenn danach jemand möchte, dass ich länger bleibe, kann er gerne mit mir reden. Aber einfach wird das nicht. Mit meiner Familie sind zwei Jahre vereinbart (lacht).