Eine Reihe schöner Tage

Kultur / 18.09.2026 • 10:25 Uhr
Eine Reihe schöner Tage

VN-Kommentar von Walter Fink.

Johann Wolfgang von Goethe soll geschrieben haben: „Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von gute Tagen.“ Genau stimmt das aber nicht, denn der Spruch ist aus früherer Zeit mündlich übertragen, mehrere Dichter haben sich seiner angenommen. Und selbst Goethe hat in dem Band „Zahme Xenien“ wörtlich anders geschrieben: „Alles in der Welt lässt sich ertragen, nur nicht eine Reihe von schönen Tagen.“ Egal, wie – ich erlebe seit längerem, dass ich die guten Tage ganz wunderbar ertrage, wohl auch, weil ich sehe und weil ich weiß, dass es auch anders sein kann. So bin ich dankbar für die gute Zeit, ganz im Sinne des englischen Philosophen Francis Bacon, der gemeint hat, dass nur die Dankbaren glücklich seien.

Wir schweben etwas, meine Frau und ich, in der letzten Zeit, wir erleben nicht nur gute, wir erleben herausragende Tage. Beginn war in Niederösterreich beim Geburtstag einer lieben Freundin, viele interessante Menschen, im Mittelpunkt meine jüngste, gerade einmal zehn Monate alte Enkeltochter, ein tiefes Glück mit jedem Blick, dazu viele interessante Menschen, eine Feier mit Gesang und Wort. Wunderbar. Und das mitten im schönen Weinviertel. Nach ein paar Tagen von dort einen Sprung übers Meer, nach Griechenland, nach Athen, aus der Ruhe ins Zentrum des touristischen Zyklons. Und trotz der Millionen, der Besucher und der Bewohner, ein Glück, diese Stadt zu sehen. Wir machten nicht einen einzigen archäologischen Pflichtbesuch, wir versuchten ins Herz von Athen zu kommen. In der Markthalle etwa, wo einen die Schweinsschädel mit leeren Augen ansehen, wo über lange Wege die Hälften von Tieren, Kälbern, Schweinen, Hasen und noch vielen anderen hängen. Und dann nicht hinauf zur Akropolis, sondern hinunter zur ältesten Eisenbahn Griechenlands, der Stadtbahn von Kifissia nach Piräus, die seit ihrer Gründung 1869 zur wichtigsten Verbindung des Molochs Athen gehört.

Dann noch einmal südöstlich übers Meer, auf die Insel Kos. Seit vielen Jahren haben wir hier, in einem wunderbaren Hotel direkt am Meer, ein jährliches Treffen im ausgehenden Sommer mit meinen Kindern, Enkelkindern und Partnern. Es ist kein Pflichtbesuch, aber alle kommen. Vieles wiederholt sich im Lauf der Jahre, viel Neues kommt hinzu, viel Gemeinsames bleibt. Hier wohnen griechische Freunde, hier leben viele türkische Mitbewohner. Hier ist Erdbebengebiet, das letzte, schwere liegt gerade einmal knapp zehn Jahre zurück, nur zögernd gelang der Wiederaufbau. Doch heute steht vieles wieder, nicht zuletzt die Defterdar-Moschee an der Platía Elephterías (Platz der Freiheit) und manch anderes historische Gebäude. Hier kann man viel unternehmen, natürlich am Meer, aber auch in der Stadt, im kleinen, aber tatsächlich feinen archäologischen Museum mit besten Stücken aus der griechischen und römischen Antike. Man kann aber auch auf den Díkeos, mit 846 Metern (tatsächlich über dem Meer) der höchste Berg der Insel, der einen grandiosen Bick über ganz Kos, das türkische Festland und viele griechische Inseln bietet. Was immer jeder macht: Am Abend sitzt man beim gemeinsamen Essen, trinkt, erzählt – und ist glücklich. Viele Tage lang, leicht zu ertragen.