Die Wirklichkeit als sorgfältig gebautes Bild

Kultur / 28.09.2026 • 17:27 Uhr
Die Wirklichkeit als sorgfältig gebautes Bild
Jeff Wall, einer der einflussreichsten Fotografen unserer Zeit, stellte 2014/15 im Kunsthaus Bregenz aus.vhm

Der kanadische Foto-Künstler Jeff Wall feiert am 29. September seinen 80. Geburtstag.

bregenz Ein Mann steht auf einer Straße, eine Frau blickt in einen Spiegel, Papierblätter wirbeln im Wind. Jeff Walls Bilder wirken oft, als hätte eine Kamera einen zufälligen Augenblick festgehalten. Doch der Eindruck täuscht: Wall baut solche Momente mit großer Sorgfalt nach. Seit den späten 1960er-Jahren beschäftigt sich Wall mit Fotografie. Bekannt wurde er mit großformatigen Farbdias in Leuchtkästen, die seine Bilder von innen heraus strahlen lassen.

Die Wirklichkeit als sorgfältig gebautes Bild

Das Verfahren, das zunächst eher mit Werbung als mit Kunst verbunden war, veränderte die Wahrnehmung des Mediums. Wall gab der Fotografie die Größe und Präsenz eines Gemäldes und öffnete sie zugleich für Erzählungen, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen.

Die Wirklichkeit als sorgfältig gebautes Bild

Seine Bilder entstehen häufig aus Beobachtungen: Wall sieht eine Szene, fotografiert sie aber nicht sofort. Später rekonstruiert er sie, arbeitet mit Darstellerinnen und Darstellern und arrangiert Licht, Raum und Bewegung. Seit den 1990er-Jahren setzt er auch digitale Montage ein. Das Ergebnis kann wie ein Schnappschuss aussehen, ist jedoch ein komponiertes Bild. Wall selbst beschreibt seine Arbeitsweise als „kinematografisch“: Ein einzelnes Foto soll die Dichte und Offenheit einer Filmszene besitzen.

Die Wirklichkeit als sorgfältig gebautes Bild

Das zeigt sich besonders in „A Sudden Gust of Wind (after Hokusai)“ von 1993. Ein Windstoß erfasst eine Gruppe von Menschen, Papiere fliegen durch die Luft. Die Szene erinnert an einen japanischen Holzschnitt von Katsushika Hokusai und überträgt dessen Bildidee in eine zeitgenössische Umgebung. Der flüchtige Moment ist präzise choreografiert; dennoch bleibt offen, was unmittelbar davor geschah und wie die Geschichte weitergeht. Auch Werke wie „Mimic“ oder „Dead Troops Talk“ verbinden kunsthistorische Bezüge mit Fragen nach gesellschaftlicher Wirklichkeit, Gewalt und Wahrnehmung.

Die Wirklichkeit als sorgfältig gebautes Bild

Eine wichtige Station in Vorarlberg war die Ausstellung „Jeff Wall – Tableaux Pictures Photographs 1996–2013“ im Kunsthaus Bregenz. Sie war vom 18. Oktober 2014 bis zum 11. Jänner 2015 zu sehen und entstand in Kooperation mit dem Stedelijk Museum Amsterdam und dem Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk. Die Schau begann mit großformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus der Mitte der 1990er-Jahre und führte zu Arbeiten, die damals erstmals einem breiteren Publikum gezeigt wurden.

Die Wirklichkeit als sorgfältig gebautes Bild

Gerade im Zumthor-Bau, dessen Räume den Bildern Platz und Konzentration geben, ließ sich Walls Spiel mit Maßstab und Wirklichkeit besonders unmittelbar erfahren. Seine Fotografien verlangen Zeit: Was zunächst eindeutig scheint, wird bei längerem Betrachten rätselhaft. Eine Geste, ein Blick oder ein Detail kann die Geschichte verschieben. Wall liefert keine fertige Erklärung. Er richtet eine Szene ein, in der sich Alltägliches und Künstliches, Beobachtung und Erfindung überlagern.

Die Wirklichkeit als sorgfältig gebautes Bild

Auch mit 80 bleibt Wall ein Künstler, der die Möglichkeiten der Fotografie nicht als festgelegt betrachtet. Seine Bilder erzählen, ohne ihre Geschichten abzuschließen. Sie halten den Augenblick an und lassen ihn zugleich weiterarbeiten: im Blick der Betrachtenden.