Wie wirst du wie dein Vater?

Kultur / 20.10.2026 • 13:34 Uhr
Hans-Joachim Gögl: „Vatertag“, 274 S, Klett-Cotta
Hans-Joachim Gögl: „Vatertag“, 274 S, Klett-Cotta Klett-Cotta

Autor Hans Joachim Gögl geht in die Introspektion.

Schwarzach Der Vater stirbt und der Sohn bekommt eine Art innere Leere, eine Verunsicherung, die in eine grundlegende Frage mündet: Könnte er, der Workaholic in der durchschnittlichen Welt seines Vaters glücklich sein? Um das zu erfahren, versucht er in den Vater gedanklich reinzuschlüpfen. Interessanterweise wird hier kein Beton angerührt, sondern der Sohn schafft es spielerisch, sich seinem Vater zu nähern, indem er versucht Eigenschaften des Vaters in dreifacher Form anzunehmen: „Vergiss deine Kindheit“, „Gehe langsam“ und „Sei gesellig“.

Gelassenheit als Weisheit.

Seine Kindheit und Jugend aus dem Gedächtnis zu drängen, da eben der Vater nie über seine Kindheit oder Jugend erzählte und mit ihr abgeschlossen hat, ist die erste Hürde. Es funktioniert, zumindest in kurzen Momenten, in geistigen Eruptionen, schafft er es, seine Kindheit auszublenden. Die zweite Situation, sich seinem Vater zu nähern, ist für ihn, sich zu disziplinieren, so langsam wie möglich zu gehen. Er muss sein Tempo reduzieren, da sein Vater eher der Spaziergänger war – und siehe da, plötzlich lernt man wieder anders zu schauen, andere Blicke wahrzunehmen, andere Einfälle zu haben. Und als dritte Herausforderung muss er sich jeden Freitag in den Kreis von Kollegen begeben, um an seiner Geselligkeit zu arbeiten. Er beginnt im Café seines Vaters und so nimmt die Übung ihren Lauf. Im Grunde soll er genügsam werden, sich der Durchschnittlichkeit seines Vaters annähern und schlussendlich daraus, auf seine Art, wiederum Erfolg schöpfen. Damit das funktionieren kann, soll eine jede dieser Eigenschaften, Montag, Mittwoch und Freitag angewendet werden, was dem Roman zugleich eine Struktur gibt. Die restlichen Tage „darf“ er, er selbst bleiben. Kann das für den Sohn gutgehen? Als zweite Frage darf man sich fragen, kann das für den Leser gutgehen?

Feine Bilderwelten in verspielter Leichtigkeit

Für den Sohn ja, er entdeckt sich neu. Er findet zu sich, da er seinen Vater findet, mit ihm ins Zwiegespräch geht und ihre beiden Erlebnisse hervorgräbt, die er schon längst vergessen hatte. Natürlich ist es auch eine Gradwanderung zwischen Selbstaufgabe und Selbstfindung. Dazu lernt er eben durch seine neue Art neue Perspektiven kennen und findet mit der Architektin Anna einen Menschen an seiner Seite. Im Kreis von Kollegen zu sein, Interaktion zulassen, zahlt sich eben aus. Und für den Leser? Der Autor nähert sich dem Thema in einer verspielten Leichtigkeit, auch literarisch, und das ist gut so. Dazu besetzt Gögl wohltuend Plätze, die literarisch noch nicht verbraucht sind, angefangen von der Bowlingbahn, wo der Ich-Erzähler gegen seinen Vater eine schmerzliche Niederlage einfährt, bis hin zur Schnapsbrennerin, deren wundersame Wege durch den Garten präzise eingefangen werden, wo der Herbst und der in ihr steckenden Vergänglichkeit so großartig beschrieben wird, dass man das feuchte Laub und das gärende Obst geradezu riecht. Hier verliert sich der Leser in einer großen Bilderwelt, von der wir gerne mehr hätten – ein origineller Roman.

MGWA