Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Ulli ka nüd jedar sin

Kultur / 30.10.2026 • 08:22 Uhr

VN-Kommentar von Walter Fink.

Zuerst stand er alleine mit seiner Gitarre auf der großen Bühne des voll besetzten Dornbirner Kulturhauses und erzählte eine Geschichte, die vor einem halben Jahrhundert in einem englischen Pub begann. Ulli Troy war damals zu einem Sprachaufenthalt in Großbritannien und erhielt Besuch aus dem Bregenzerwald. Vier Kollegen kamen, man traf sich bei einem Bier und irgendwann begannen sie zu singen. Bei einem traf das den Nerv – und das war der Beginn von Stemmeisen & Zündschnur, von Ulli Troy aus Egg und Hermann Stadelmann aus Alberschwende. Viele ihrer Lieder – im “Liederbuch” sind etwa 130 vermerkt – werden im Bregenzerwald (und nicht nur dort) bei verschiedensten Anlässen gesungen, sind schon so etwas wie Volkslieder geworden. Man singt – und weiß nicht mehr, wer den Text geschrieben, wer die Musik komponiert hat. Bei fast allen Titeln ist Ulli Troy mit dabei, entweder mit Text oder auch Text und Musik.

Man könnte manche Titel aufzählen, natürlich alle im Dialekt des Bregenzerwaldes. Einer der besonderen ist sicher “Wäldar ka nüd jedar sin”, ein Lied, das fast so etwas wie ein Bekenntnis von Stemmeisen & Zündschnur ist. Kritisch, aber doch liebevoll, scharf, aber auch sanft. Irgendwie so, wie die Haltung der beiden zu ihrer Heimat auch außerhalb des Gesangs ist. Und so wurde – vielleicht vergleichbar mit Köhlmeier/Bilgeri und “Oho Vorarlberg” – dieses Lied zu so etwas wie einer Hymne. Und für beide gilt: Diese Lieder können fast alle mitsingen, bei den offiziellen Hymnen geht den meisten schon bei der ersten Strophe der Text aus.

Der wichtigste musikalische “Zugang” war Rolf Aberer, Gründer des Jazzseminars in Dornbirn, der auch als Komponist und Arrangeur bei Stemmeisen & Zündschnur zeigte, welch großartiger, welch vielseitiger Musiker er ist. Kaum ein Titel von S & Z, der nicht durch die Finger von Aberer ging. So wie Ulli Troy auf der Dornbirner Bühne sagte: “Immer, wenn ich etwas nicht konnte, habe ich mir jemanden gesucht, der das konnte.” Eine kluge Idee – und er hat nie eine Abfuhr erlitten. Genau darin liegt, so meine ich, das große Verdienst von Troy: Er hat in den vergangenen 50 Jahren wie niemand anderer Komponisten und Musikerinnen und Musiker um sich geschart, die nicht nur eine ständige musikalische Erweiterung, sondern auch ein immer besseres Niveau gebracht haben. Der verstorbene Gerold Amann, Vorarlbergs kompositorisches Aushängeschild, war einer von ihnen, dazu kamen Philipp Lingg oder George Nussbaumer, vor allem auch die großartigen Musikerinnen Evelyn und Isabella Fink sowie Irma-Maria Troy. Mit ihnen haben sich die Lieder geändert, sie haben gewonnen. Auch manche neue Formationen, etwa die Zusammenarbeit mit Otto Hofer oder Hanskaspars Enkel, brachten einen anderen Zugang. Viele andere müsste man nennen, die sich vergangenes Wochenende auf der Bühne des Kulturhauses um Ulli Troy versammelt haben. Sie haben mit ihrem Beitrag den Mann geehrt, dem die Ehre gebührt. Ein großer Musiker und Songschreiber, ein Mensch zudem mit Haltung. Und diese Kombination macht ihn und seine Lieder so besonders.