Westliche Anmaßung

Leserbriefe / 20.06.2022 • 18:55 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Es ist nicht nachvollziehbar, mit welch menschenverachtenden Anmaßung die Ukraine immer wieder zum Verzicht auf ihre östlichen Landesteile aufgefordert wird. Die sprachlich überwiegend russischsprachigen Gebiete hätten die Chance ihres Lebens gehabt, die Eroberer mit Blumen zu empfangen, womit Putin gerechnet hat. Anstelle dessen gibt es verzweifelten und heldenhaften Widerstand. Abgesehen vom eklatanten völkerrechtlichen Bruch der Nachkriegsordnung wäre es ein Wechsel in eine Diktatur, die die Bewohner der Grenzprovinzen besser einschätzen können als westliche Besserwisser: Auslöschung der Identität durch radikale Umerziehung, Verlust bürgerlicher Freiheiten, Verfolgung inklusive Folter und Hinrichtung. Wer gibt uns das Recht, das zu fordern? Wer hat sich schon einmal um das Schicksal der Bewohner von russisch besetzten Gebieten gekümmert? Eine freie Wahl wäre selbst für die Krim interessant, die mit 77 % den höchsten russischen Bevölkerungsanteil hat. Wie soll ein Überfallener durch Kompromissbereitschaft zum Frieden beitragen? Indem er dem Dieb sein halbes Haus abtritt, sich damit ein paar Monate Waffenstillstand erkauft und dann erst recht unter die Räder kommt, wie man seit 2014 sieht? Der Ukraine als eigenständiger Staat wird weiterhin ihre Existenzberechtigung abgesprochen. Sie verteidigt letztlich ganz Europa und hat ein Anrecht auf Waffenlieferungen. Wenn wir hier versagen, sind wir unserer Freiheit nicht würdig.

Gerald Grahammer, Lustenau