Berührungen

Leserbriefe / 16.12.2022 • 17:19 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
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„Freue dich, s‘Christkind kommt bald!“: Es dauert nicht mehr lange, bis wir Weihnachten feiern. Wächst bei mir das Stressgefühl oder die Sehnsucht, die Vorfreude? Der Theologe Eberhard Schockenhoff meint, dass Weinachten das menschliche Leben wie in einem Brennglas verdichtet. Hier kommen Sehnsüchte und die Bedürfnisse nach Nähe, Beheimatung, Zuwendung zum Vorschein, die wir oft verdrängen, die im Alltag zu kurz kommen.

Wir sind Hungerleider des Glückes, nicht weil wir zu wenig haben, sondern weil wir nicht die „Speise“ finden, die uns schmeckt (F. Kafka), nach der wir zutiefst hungern. In allem, was wir tun oder bekommen, ist etwas zu wenig davon.

Wunder in einer wölfischen Welt

Der römische Komödiendichter Plautus prägte im dritten Jahrhundert den Satz: „Homo homini lupus“. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Wer möchte das bestreiten? Wir müssen nur in die Welt hineinschauen, von der Ukraine bis in den Iran, von Afghanistan bis nach China, von den Streitereien und Gewalttätigkeiten im familiären Kreis bis zum Mobbing in der Schule oder im Betrieb.

Als Gegensatz dazu schreibt der holländische Theologe und Dichter Huub Oosterhuis die Fabel von einem Wolf, der damals in Bethlehem den Hirten nachschlich und hoffte, in dem kleinen Säugling ein gefundenes Fressen zu finden. Er versteckte sich im Stall und wartete, bis die Hirten wieder abgezogen und die Eltern Josef und Maria eingeschlafen waren. Schon leckte er begierig die Lefzen und setzte zum Sprung an. Da berührte ihn behutsam und liebevoll die Hand des Kindes. Das erste Mal im Leben streichelte jemand sein struppiges Fell, und mit einer Stimme, die er noch nie vernommen hatte, sagte das Kind: „Lieber Wolf, ich mag dich!“ Da geschah etwas Unvorstellbares: Die Haut des Wolfes platzte auf, und heraus stieg ein Mensch, ein wirklicher Mensch, wie Gott ihn gedacht hatte. Er küsste die Hände des Kindes und ging leise davon, um der Welt von dieser erlösenden Berührung zu berichten.

Heilsame Berührung

Bei jeder Krankensalbung sage ich den Patienten: „In diesem Ritual berührt dich Gott.“ In ähnlicher Weise macht er es auch in der Advents- und Weihnachtszeit. Könnte nicht zu Weihnachten unsere Wolfshaut platzen, wenn wir uns im Herzen anrühren lassen von der Botschaft, dass Gott kommt, um uns, um mich im Innersten zu berühren? Seine Zusage „Ich mag dich!“ kann das Wunder bewirken, dass unser „Seelenpanzer“ aufspringt.

Jemand erkennt, dass sich hinter den eigenen Aggressionen das Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung verbirgt, und er/sie gibt das auch zu.

Jemand entdeckt, dass hinter seinen/ihren bissigen, spöttischen Bemerkungen Enttäuschungen stecken und die Angst, abgelehnt zu werden. Das wäre eine neue Verletzung. Jemand bricht das tiefe Misstrauen auf und wagt es, sein/ihr Herz zu öffnen, die inneren Wunden zu zeigen.

Jemand hört auf, mit den Wölfen zu heulen und traut sich, seine/ihre eigene Meinung zu haben.

Jemand erfährt, wie bereichernd es ist, wenn man/frau mit den Geschenken das eigene Herz mitgibt oder andere uns nicht bloß „etwas“, sondern ehrliche Zuneigung und Herzlichkeit schenkt.

Die Wolfshaut kann auch bei uns aufspringen,

oft bei einem kleinen, unscheinbaren Erlebnis, wenn wir z.B. in der Mette „Stille Nacht“ singen oder auch bei einem Krankenbesuch. Eine 94-jährige Frau weinte vor Freude, weil ich sie daheim besuchte, und ich wurde dabei auch selbst angerührt. Oder eine depressive Frau rief nach Weihnachten an. Es sei ihr die letzten Wochen gar nicht gutgegangen. Da habe sie einen Waldspaziergang gemacht und sei im Schnee ganz plötzlich vor einem geschmückten Christbaum gestanden. Mit einem Schlag sei die Schwere ihres Herzens von ihr gewichen. Wem sie danken könne? Ich wusste es: Eine Jungschargruppe hatte eine Waldweihnacht gefeiert und den Baum geschmückt.

Gibt es nicht sehr oft solche unauffällige, kleine Erlebnisse, die andere gar nicht wahrnehmen, in uns aber so eine Wandlung, ein Wunder bewirken?

Mein Wunsch

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, sagt Martin Buber. Ich wünsche uns allen, dass in diesen Tagen unsere harte Haut aufspringt, weil uns etwas, jemand und noch tiefer Gott selbst berührt. Möge gerade zu Weihnachten unser guter Kern zum Vorschein kommen, der wahre Mensch, der wir im Innersten sind, und es darf auch das verwundete Herz durchscheinen.

Vikar Elmar Simma, Rankweil
Vikar Elmar Simma, Rankweil

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