Die schöpferische Kraft von Pfingsten
In der Nachbarschaft meiner Jugendtage war ein bildender Künstler zu Hause, dessen Skulpturen mich als junges Mädchen faszinierten. In seiner kleinen Werkstatt, in der er vorwiegend mit Holz arbeitete, stand neben einem mannshohen Wälderbähnle-Waggon – aus dem einige „Juppo-Wiebor“ schauten – ein großer, krummer und dürrer Zeigefinger. Dieser war aus einem einzigen Stück Holz geschnitzt und wunderschön glattpoliert. Anton verbrachte viele Stunden in dieser Werkstatt, die Brille halb auf der Nase, das Sägemehl in Haar und Wollpullover und die Holzspäne auf dem Boden verteilt. Der Finger wiederum stand anmutig auf seiner Werkbank vor dem Fenster, so als wolle er den Künstler still ermahnen. Jedes Mal, wenn ich die Werkstatt betrat, fesselte mich dieser Finger. Ich war beeindruckt, dass aus einem rauen, rechteckigen Holzblock ein zierlicher und doch so kraftvoller Finger entstehen konnte. War es die Idee, das geistige Bild, das Anton schon vor Beginn des Schnitzens im Holzblock sah, oder wurde die Skulptur erst im Tun und Bearbeiten des Holzes geboren? So, als ob das Material den Künstler gekonnt führte und somit seinen ureigenen Charakter zum Ausdruck brachte. Darüber kann mir Anton leider keine Auskunft mehr geben, starb er doch völlig unerwartet vor knapp zwei Jahren. Wie auch immer. Was bleibt, ist die schöpferische Kraft, die diesem Zeigefinger Innewohnt und die auch in anderen Werken des Künstlers zu finden ist. Es ist die künstlerische Gabe, durch schöpferisches Tun aus einer Idee, einer Vision oder einem Verlangen etwas Neues und Wunderbares zu schaffen. Eine Gabe, die kunstaffine Menschen immer wieder in Staunen versetzt und die uns einen anderen Zugang zur Wirklichkeit eröffnen will.
Der Geist als schöpferische Kraft
„Veni, creator spiritus!“ – „Komm, Schöpfer Geist!“, so lautet der Beginn des Pfingsthymnus der Katholischen Kirche. Dem Heiligen Geist wird eine schöpferische Kraft zugesprochen. Er, der im Pfingstereignis den Jüngerinnen und Jüngern Jesu eingehaucht wird, belebt die verängstigten und verschlossenen Freunde Jesu. Er schenkt ihnen göttliche Kraft und Lebensenergie. Sie werden mit göttlichem Geist beatmet.
Dem Atem geben wir im Alltag wenig Achtung. Es ist selbstverständlich, dass wir ein- und ausatmen und dass unser Körper mit Sauerstoff versorgt wird. Ohne Wasser und Nahrung kann der Mensch einige Tage überleben, aber ohne Luft …? Atmen ist lebensnotwendig und erfüllt uns mit Leben. „Ruach“, „Pneuma“, „Spiritus“, „Geist“– wir kennen viele Begriffe dafür. Begriffe, in denen sich auch die göttliche Dimension des Atmens widerspiegelt. Paulus schreibt im Römerbrief: „Ihr aber seid nicht vom Fleisch, sondern vom Geist bestimmt, da ja der Geist Gottes in euch wohnt.“ (Röm 8,9). Wir sind geistbegabte, atembegabte Wesen. In uns atmet göttliche Lebensenergie, göttliche Lebenskraft, wie auch in den Jüngerinnen und Jüngern Jesu. In uns lebt dieser Geist, der „Creator Spiritus“, der uns zum schöpferischen Tun in der Welt ermächtigt und antreibt.
Fähig zur Entfaltung
Es ist dieser Geist, der uns – gemäß unseren Fähigkeiten und Möglichkeiten, unseren Charismen – kreativ, schöpferisch werden lässt. Der uns erkennen lässt, wo wir in der Welt von heute Jesu Botschaft der Nächsten- und Feindesliebe weitertragen können. Zum Beispiel dort, wo wir uns für die Schwachen und Ausgegrenzten in unserer Gesellschaft einsetzen oder wo wir kranke, alte und einsame Menschen nicht vergessen. Dort, wo wir Kriegsgebeutelten und Heimatlosen ein sicheres Zuhause bieten, wo wir Familien und Kinder nicht im Regen stehen lassen oder wo wir unsere Natur achten und pflegen und sie für die nachkommenden Generationen bewahren. Wo es darum geht, den Frieden untereinander und in der Welt zu fördern, hilft dieser Geist uns zu entfalten und tätig zu werden.
Sich berühren lassen
Oftmals schenken wir dem Heiligen Geist wenig Beachtung. Aber es ist genau diese Kraft, die das Wesen der Kirche ausmacht und der wir als geistbegabte Wesen Vertrauen schenken dürfen. Oder, um zum Anfangsbild des Zeigefingers zurückzukehren: es ist, als ob wir – belebt von diesem Geist – selbst zu Künstlerinnen und Künstlern werden und erkennen, was sich in der Welt aufdrängt, geschaffen und geformt zu werden.
Was wir als atem- und geistbegabte Wesen dafür brauchen, ist vor allem jene Eigenschaft, die auch Anton als Bildhauer hatte: die Offenheit, sich auf das einzulassen, was vor einem liegt. Sich vom „rohen Material“ berühren zu lassen und den Mut zu haben, seinen Ideen Form und Raum zu geben. Pfingsten möchte uns dazu ermutigen!
