Johannes der Täufer und Jesus
Die Gestalt Johannes des Täufers steht am zweiten und dritten Adventsonntag im Mittelpunkt der katholischen Liturgie. Als „Stimme aus der Wüste“ weist er auf Jesus hin: „Er ist es, der da kommen soll!“ (vgl. Mt 3,1-3).
„Er ist es!“
Der Evangelist Matthäus knüpft sehr an der jüdischen Überlieferung an und gebraucht oft die Wendung: „So hat sich erfüllt, was gesagt worden ist“. Im Bibelgriechischen heißt das noch etwas knapper: „Das Gesagte hat sich erfüllt.“ Wenn aber Jesus kommt, dann heißt es nicht „DAS Gesagte“, sondern „DER Gesagte“: ER ist selbst die Erfüllung der Verheißung. „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“, so wird Jesus selbst später sagen. (Joh 14,6).
Die Wüste ist in der Bibel der Ort der Gottesbegegnung. Mose und das Volk Israel waren in der Wüste, ebenso Elija und viele andere. Johannes der Täufer kommt aus der Wüste und knüpft damit an diese Tradition an. Zugleich beginnt aber mit Jesus, auf den Johannes verweist, etwas völlig Neues: Jesus bringt nicht nur ein Wort Gottes, er ist das menschgewordene Wort Gottes selbst. Er ist, wie die theologische Reflexion des Glaubens später entfalten wird, „Gott von Gott, Licht vom Licht“, der menschgewordene Gott mitten unter uns!
Eine authentische Botschaft
Wer Jesus ist und was er über sich selbst sagt, wird häufig unter der Überschrift eines exklusiven Heilsanspruchs des Christentums diskutiert: Nur Jesus und sonst niemand!
Für mich steht bei der Aussage Jesu „Ich bin es“ jedoch ein anderer Aspekt im Mittelpunkt: Nicht der exklusive Anspruch als Abgrenzung gegen andere religiöse Lehren und Religionsstifter, sondern die Bedeutung des Persönlichen: Der Kern der christlichen Botschaft ist kein theoretischer Satz und kein Dogma, sondern eine Person. Deshalb müssen wir die Wahrheit des christlichen Glaubens nicht in Dogmen, Sätzen und Paragraphen suchen, sondern ihr im persönlichen Gespräch und in der persönlichen Begegnung auf der Spur sein.
Die Menschen haben Jesus und seine Botschaft als kraftvoll und überzeugend erfahren.
Das Wort „Vollmacht“, welches die Evangelien (z.B. Matthäus 7,29) dafür gebrauchen, können wir wörtlich deuten als „das, was aus dem inneren Sein kommt“. Jesus verkündet keine abstrakte Theorie. Seine Botschaft ist, was er selbst tut und was er selbst ist. Heute würden wir dafür das Wort „authentisch“ verwenden.
Der Botschaft Johannes des Täufers fehlt es nicht an Schärfe und Eindringlichkeit. Er sagt (auf gut Vorarlbergerisch): „D’Äx isch am Bom!“ (vgl. Mt 3,10). Mir kommt dazu eine Szene aus dem Film „Die letzte Versuchung Christi“ von Martin Scorsese aus dem Jahr 1988 in den Sinn: In einem persönlichen Gespräch sagt Johannes der Täufer zu Jesus: „Ich habe die Axt! Aber jetzt gebe ich sie dir – jetzt machst du weiter!“ Aber Jesus sagt: „Nein, die Axt ist nicht für mich.“ – „Was dann?“, fragt Johannes, und Jesus sagt: „Ich weiß es noch nicht.“ Jesus muss erst noch in sich hineinhören, er muss in seinem Inneren die Stimme seines Vaters hören, dann wird er wissen, welche Botschaft er verkünden und wie er in der Welt wirken möchte. Das ist freie Interpretation eines Films, aber für mich sehr tiefsinnig.
Befreiend und ermutigend
Ja, es gibt Momente im Leben, da kommt es auf ernste und konsequente Entscheidungen an. Das Bild von der „Äx am Bom“ hat etwas Richtiges an sich. Insgesamt ist es aber „nicht die Axt“, sondern – ja, was? An dieser Stelle möchte ich die Antwort offenlassen und uns alle ermutigen: Suchen und fragen wir selbst danach, auf unsere persönliche Weise, was Jesus uns sagen und wie er in unserem Leben wirken möchte. Eine Zeit der Stille, vielleicht wieder einmal die Bibel zur Hand nehmen, einen Gottesdienst mitfeiern, ein gutes Gespräch, ein Spaziergang in der Natur: Viele Dinge können uns dabei helfen.
Ich wünsche uns, dass wir gemeinsam mit vielen Menschen gerade an Weihnachten das Ermutigende und Befreiende der Botschaft Jesu erfahren: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Mt 11,29-30).
