Leserbrief: Der Verlust der Hemmschwelle

Hiezu ziehe ich es vor, nur die Umstände anzuprangern, welche dazu geführt haben, dass Menschen in einen Topf geraten sind, aus dem sie sich nicht mehr befreien können. Namen muss ich erst gar nicht nennen, denn diese sind dem Souverän vom Bodensee bis zum Neusiedlersee bestens bekannt. Es zeichnet sich längst ab, dass wir Österreicher:Innen gravierende Missstände hautnah und medial miterleben müssen, wie – nicht nur das Haus am Wiener Dr.-Karl-Renner-Weg 3 – Opfer des Verlusts der Hemmschwelle geworden ist und im politischen Kontext zwei gegenläufige Entwicklungen zu beobachten sind. Einerseits sinkt eben wegen des Vertrauensverlusts in Politiker die Schwelle der Bürger für Gewalt und Beleidigungen gegen Mandatsträger – und andererseits überschreiten Politiker zunehmend Grenzen des respektvollen Umgangs, um in der polarisierten Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit zu generieren. Man kann es nicht glauben, welche horrenden Bausteine sich zentral erfassen lassen: von mangelnder Integrität und situativer Ethik, mangelnder Empathie, extremem Narzissmus, geringer Impulskontrolle, fehlendem Schuldbewusstsein etc. Ein Charakterbaustein von Korruption Betroffene offenbart explizit meist eine toxische Mischung aus mangelndem moralischem Kompass, Egozentrik und systemischen Verführungen. Als Reaktion auf diese Verrohung etablieren sich oft strenge moralische und gesellschaftliche Normen, wobei oft vorauseilende Selbstzensur oder Ausschluss abweichender Meinungen aus dem öffentlichen Diskurs die Folgen sind.
Sabine Windberger, Bregenz