Leserbrief: Nach dem Festspielvorhang

Seit dem 23. August ist in Bregenz wieder Ruhe eingekehrt. Die Bregenzer Festspiele selbst verdienen Anerkennung – kulturell sind sie ein Aushängeschild weit über Vorarlberg hinaus. Umso befremdlicher war erneut, was Teile der Gastronomie während dieser Wochen gezeigt haben. Seit 1993 ist Bregenz Lebensmittelpunkt, ein großer Teil des Berufslebens wurde in der Gastronomie verbracht. Umso schwerer ist es zu verstehen, wenn Gäste platziert werden und selbst nach einer halben Stunde niemand nach Getränken fragt. Bei Preisen, die teils an Monte-Carlo erinnern, darf professionelle Gastfreundschaft erwartet werden. Noch bedenklicher ist der Umgang mit Stammgästen. Menschen, die seit Jahrzehnten Woche für Woche kommen, Karten spielen, ihr Bier trinken und einem Lokal Charakter geben, fühlen sich während der Festspiele plötzlich unerwünscht. Der Tourist bringt kurzfristig mehr Umsatz – der Einheimische soll Platz machen. Nun ist der Vorhang gefallen, und plötzlich werden genau diese Stammgäste wieder gebraucht. Doch wie lange? Schon im November beginnen die Weihnachtsfeiern, und das nächste Zirkuszelt nimmt Anlauf. Die entscheidende Frage bleibt: Wird daraus gelernt? Denn wer Stammgäste nur dann schätzt, wenn die Touristensaison vorbei ist, verwechselt Gastfreundschaft mit Auslastung. Und genau das ist das eigentliche Problem.
Christian Amann, Bregenz