„Stadt ein bisschen smarter machen“

IT ist auf dem Sprung zum selbstverständlichen Werkzeug für das tägliche Leben.
Schwarzach. Prof. Dr. Martin Welsch arbeitet als Chief Technology Advisor in der bereichsübergreifenden Koordination im deutschen Forschungs- und Entwicklungszentrum der IBM in Böblingen bei Stuttgart. Welsch ist dort seit 1984 in verschiedenen Rollen und Positionen für die IBM Deutschland Research & Development GmbH, das mit rund 1800 Mitarbeitern größte europäische F&E-Zentrum des Konzerns, tätig. Bereits seit 1994 nimmt er im Nebenamt einen Lehrauftrag an der Universität Jena wahr. Mit den VN sprach der Wissenschaftler über die Implementierung der neuen Medien in den Alltag sowie über Chancen und Risiken für unsere Gesellschaft durch Informationstechnologie.
Herr Welsch, die Zukunft war schon verlockender. Was kommt auf uns zu – müssen wir uns fürchten oder dürfen wir uns freuen?
Martin Welsch: Ich glaube, wir dürfen uns freuen. Ja, die Menschen sind kritischer gegenüber der Technologie geworden. Ich glaube trotzdem, dass wir ohne Technologie unsere ganze Infrastruktur nicht hätten, dass wir den Lebensstandard nicht hätten, den wir alle so schätzen gelernt haben. Wir leben besser als die Herrscher aller Fürstentümer und Gewalten der Jahrhunderte vor uns. Das ist im wesentlichen Teil der Technologie zu verdanken. Dass es dabei auch Elemente gibt, die kritisch angeschaut und bewertet werden müssen, versteht sich von selbst. Das ist aber auch ein notwendiger Lernprozess in der Gesellschaft. Ich habe keine Technikangst. Im Gegenteil: Ich halte das für eine notwendige Entwicklung. Aber wir müssen mit dieser Technik umgehen. Dabei ist weder Technikphobie noch blinde Technikgläubigkeit ein guter Ratgeber.
Sind wir abhängig von der modernen IT?
Welsch: Ja, das ist richtig, wir machen uns in gewissem Sinne abhängig. Aber wir haben uns schon von vielem abhängig gemacht. Sie können Ihr Auto nicht fahren ohne die Infrastruktur Straße. Sie brauchen zivilisatorische Leistungen, um das Leben im heutigen Stile zu ermöglichen. Das ist bei der IT nicht anders. Sie ist ein Bestandteil unserer gesellschaftlichen Fortschreibung, der unverzichtbar ist. Wir müssen das natürlich so gestalten, dass die Technik uns dient und nicht wir der Technik. Daher kommt ja diese Furcht, wenn ich die Technik nicht verstehe oder sie mich zu dominieren droht.
Was sind die aktuellen Themen, mit denen Sie sich beschäftigen?
Welsch: Lassen Sie mich eine Überschrift machen: IT wird unsichtbar. Wir werden IT immer stärker erleben in unserer Umwelt, aber sie wird immer weniger als IT sichtbar. Heute ist jeder mit IT konfrontiert. Dieser Trend wird weitergehen. Wir werden sehen, dass die Dinge – und insbesondere mobile Geräte – noch stärker miteinander vernetzt werden. „Mobile First“ ist eines der Trendthemen, die wir im „IBM Global Technology Outlook“ für 2013 identifiziert haben. Vernetzung beeinflusst viele Dinge, die wir jetzt schon erleben. Durch die Verbindung von Internet mit Sensoren wird sich viel tun, was unser praktisches Leben beeinflussen wird – auch im Sinne von Vereinfachung. Schauen Sie nur mal, wie spielerisch einfach Kleinkinder schon heute mit dieser Technik umgehen. Big Data ist ein großes Thema. Nicht nur in dem Sinne, dass immer mehr Daten digital verfügbar sind, sondern auch in der besseren, automatischen Analyse der daraus zu destillierenden Informationen. Nur dadurch, dass Technologien gewisse Dinge besser können als ein Mensch, heißt das noch lange nicht, dass sie menschlich intelligent sind. Der Umgang mit IT erfordert aber ein Zusammenspiel der gesellschaftlichen Kräfte. Wir können nicht nur die Techniker drauf loslassen. Wir müssen die Rahmenbedingungen setzen und wir werden wie in jeder Technologie noch in manches Schlagloch fallen.
Die Vorteile der IT in der Ersten Welt sind klar, wie wirkt sich die Technologie auf den Fortschritt in der Dritten Welt aus?
Welsch: Meine persönliche Einschätzung ist, dass wir im Moment sehen, dass hier wichtige technologische Komponenten zur Verfügung gestellt werden, die einen gewaltigen Einfluss auch auf die Entwicklung in diesen Ländern haben können. Ich sehe aber auch, dass wir unsere westlichen Maßstäbe nicht immer zur Norm erheben dürfen. Wir haben in unseren Ländern eine sehr gut vernetzte Infrastruktur, die finden Sie z. B. in weiten Teilen von Indien nicht. Aber: In Indien haben sie dafür Bauern, die ihr Saatgut mit dem Handy bestellen und bezahlen. Das führt dort zu Geschäftsmodellen und Geschäftsverhalten, die sich von dem bei uns unterscheiden, und zu dramatischen Fortschritten führen, was im Bereich von Wirtschaftsprozessen möglich ist. Ja, ich bin schon optimistisch, aber so weit zu gehen und zu sagen, das gibt einen Riesendurchbruch und die Probleme in diesen Ländern werden ausschließlich durch IT gelöst, würde ich nicht. Aber wir sind in diesen Ländern im Sinne von „Smarter Planet“ aktiv, und IBM agiert ja auch verstärkt in Afrika, um dort lokale Entwicklungstätigkeiten zu entfalten. Das halte ich für absolut positiv.
Was ist die Basisidee von „Smarter Planet“?
Welsch: Die Basisidee ist es, dass wir das, was wir an Technologie zur Verfügung haben, intelligenter vernetzen und nutzen, um einen gesellschaftlichen Fortschritt damit zu erzielen. Beispiel: IBM bietet Städten ein „Intelligent Operation Center“ an. Das ist so eine Art Schaltzentrale, mit der eine Stadt wie beispielsweise Rio de Janeiro ihre Abläufe optimiert. Einfachstes Beispiel ist der Verkehr. Heute gibt es viele Sensoren in Ampeln, in Induktionsschleifen der Straßen, in Smartphones. Diese Daten erlauben es Mathematikern, Vorhersagemodelle für Verkehrsströme zu erarbeiten. Damit kann ich die Stadt ein bisschen smarter machen: weniger Smog, weniger Stau und besserer Verkehrsfluss. Oder denken Sie an Gebäude mit Klimasteuerung. Man kann mit moderatem Aufwand viel erreichen.
Dürfen nicht immer unsere Maßstäbe zur Norm erheben.
Martin Welsch