Bitte nicht lernen vom Osterhasen
Natürlich beginnt jetzt, wenige Wochen vor der Wahl unserer EU-Parlamentarier wieder die Zeit, in der die einen hochrechnen, was die Mitgliedschaft der Europäischen Union für Vorteile gebracht hat, und die andern genau das Gegenteil versuchen – nämlich alle negativen Begleiterscheinungen, die dem Bürger im europäischen Staatenverbund das Leben schwer machen, aufzuzählen.
Manches ist offensichtlich. Mehr Licht erhalten wie immer die Auswüchse, die jedem System passieren und die denn auch stammtischtauglich sind: Der Krümmungsgrad der Banane etwa oder das vom seligen Herrn Haider bemühte Beispiel der roten Lebensmittelfarbe aus Schildläusen, die Leib und Leben gefährde. Das ist lustig, klingt absurd, war aber schnell klarzustellen. So einfach geht es nicht immer und es gibt genug Verordnungen, Gesetze oder auch nur Vorschläge von Interessengruppen, Politikern oder Bürgern, die skurril anmuten und seltsam sind.
Aber nicht alles ist seltsam. Das meiste, was aus Brüssel kommt, macht durchaus Sinn für alle EU-Bürger. Seien es verbesserte Konsumentenrechte, seien es Maßnahmen für einen fairen Wettbewerb in der Wirtschaft oder Verordnungen zum Naturschutz, die beispielsweise dem Bau einer Straße durchs Lauteracher Ried seit Jahren entgegenstehen. Selbst vehemente Gegner der Union nutzen die Institutionen, um sich Recht zu verschaffen, sind Dauergäste am Europäischen Gerichtshof, sitzen im Parlament oder in verschiedenen Ausschüssen und tragen dazu bei, dass der Ruf der „Europäer“ nicht besser wird.
Die Vorteile der Europäischen Union rechnen sich wirtschaftlich und vor allem im Zusammenleben auf dem alten Kontinent. Trotz diverser Krisen ist die EU ein Garant für Frieden nach Jahrhunderten der Konflikte. Statt geschossen wird geredet, statt blockiert wird Handel getrieben. Das EU-skeptische Österreich gehört überhaupt zu den größten Gewinnern. Doch das will bei der EU niemand an die große Glocke hängen.
Wie der Osterhase die Nester mit all den Goodies, so verstecken die EU-Politiker alles, was sie gut gemacht haben, erfolgreich vor den Bürgern, die in wenigen Wochen entscheiden sollen, wie es in der Union weitergeht. Die Zurückhaltung mag den Osterhasen ehren, für Europa sollte man aber in die Offensive gehen. Das Projekt ist nämlich viel zu wichtig, als dass es einige destruktive Nörgler kaputtmachen.
andreas.scalet@vorarlbergernachrichten.at, 05572/501-862
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