Hubert Rhomberg

Kommentar

Hubert Rhomberg

Uns gegenseitig sensibilisieren

Markt / 13.06.2014 • 22:18 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Ein Paradigma bezeichnet in der Verhaltenswissenschaft ein klassisches Vorurteil – also eine Wertung, die getroffen wird, bevor eine verstandesmäßige Verarbeitung von Informationen stattfinden kann. Mit Paradigmenparalyse ist gemeint, dass logische Denkprozesse und in der Folge konsequentes Handeln durch Vorurteile unterbrochen, gelähmt oder verhindert werden. Das kommt mir sehr bekannt vor: Nach dem Motto „Das haben wir immer schon so gemacht“ werden in Unternehmen, aber auch in unserer Gesellschaft, Veränderungen verhindert und der Status quo zementiert.

 

Um zu verstehen, wie ein Paradigma entsteht, eignet sich besonders das sogenannte Affenexperiment: Wissenschaftler brachten fünf Affen in einem Käfig zusammen, befestigten in der Mitte eine Leiter und legten oben drauf Bananen. Jedes Mal, wenn ein Affe auf die Leiter kletterte, spritzten die Wissenschaftler die anderen mit kaltem Wasser nass. Nach einiger Zeit verprügelten die Affen jeden, der auf die Leiter steigen wollte. Es dauerte nicht lange, da wagte es kein Affe mehr, auf die Leiter zu klettern.

Dann tauschten die Wissenschaftler einen der Affen aus. Natürlich entdeckte dieser sofort die Bananen und kletterte auf die Leiter. Und sofort wurde er von den anderen Affen verprügelt. Schnell hatte das neue Mitglied gelernt, nicht auf die Leiter zu klettern. Obwohl es nicht wusste, warum.

 

Ein zweiter Affe wurde ausgetauscht, und auch der wurde von der Leiter gerissen. Nach und nach wurden alle Affen ausgetauscht, und mit jedem geschah das Gleiche. Und jeder der ausgetauschten Affen prügelte in der Folge mit. Am Ende gab es in dem Käfig fünf Affen, die immer weiter jeden verprügelten, der auf die Leiter wollte – obwohl keiner von ihnen je nass gespritzt worden war. Und oben auf der Leiter vergammelten die Bananen.

 

Unsere Aufgabe als Bürger ist es, uns gegenseitig dafür zu sensibilisieren, scheinbare Gewissheiten infrage zu stellen. Nur wenn wir aus unseren eingefahrenen Gedankenkonstrukten ausbrechen können, ist Raum für die oft offensichtlich einfachen und neuen Lösungen da. Das heißt also: Selbst denken! Immer dann, wenn sich der sogenannte „Hausverstand“ meldet, ist man auf der richtigen Spur. Dies kommt zum Glück im Bundesland Vorarlberg häufiger vor. Und vielleicht ist dieses Land deshalb so erfolgreich.

markt@vorarlbergernachrichten.at
Hubert Rhomberg ist gelernter Bauingenieur, Baumeister
und Geschäftsführer der Rhomberg Holding.
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