„Der Erfolg von uns ist, dass es uns noch gibt“

Markt / 28.11.2014 • 18:01 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Günter Schobel hat den Möbelhersteller Längle & Hagspiel 2006 gekauft und saniert. In der Produktion in Höchst werden neben Tischen und Bänken rund 15.000 Stühle pro Jahr produziert. Fotos: VN/Steurer
Günter Schobel hat den Möbelhersteller Längle & Hagspiel 2006 gekauft und saniert. In der Produktion in Höchst werden neben Tischen und Bänken rund 15.000 Stühle pro Jahr produziert. Fotos: VN/Steurer

Höchst. Heinrich Längle und Hans Hagspiel stellten vor 60 Jahren die ersten Möbel her. Günter Schobel übernahm 2006 den Betrieb in einer schwierigen Zeit. Heute ist Längle & Hagspiel erfolgreiche Manufaktur für Stühle, Tische und Bänke.

In einer Turnhalle begann vor 60 Jahren die Geschichte des Unternehmens. Sie haben den Betrieb 2006 übernommen. Was war und ist Ihnen wichtig?

Schobel: Wichtig war es damals wie heute, die Marke zu stärken. Hinter dieser Marke muss eine Philosophie stehen, und diese muss man über viele Jahre erarbeiten und vertreten. Markenbildung ist ein Langstreckenrennen. Das war eines der Versäumnisse des Unternehmens vor meiner Zeit, dass man zwar als anerkannter Zulieferer bekannt war, nicht aber als eigenständige Marke.

Was hat Sie bewogen, in eine schwierige Branche zu einer schwierigen Zeit einzusteigen?

Schobel: Längle & Hagspiel wäre Ende 2005/Anfang 2006 ohne mit der Wimper zu zucken in einen katastrophalen Konkurs geschlittert. Bewogen haben mich der Ehrgeiz und die Eitelkeit, zu beweisen, dass es nicht sein muss, ein gutes Produkt in dieser Region sterben zu lassen. Das war ausschlaggebend dafür, den Betrieb zu kaufen.

Sie haben davor in ganz anderen Branchen gearbeitet, zum Beispiel im Bereich Trocknungssysteme für Skischuhe. War die Umstellung groß?

Schobel: Seit 28 Jahren machen meine Frau und ich nichts anderes, als Unternehmen zu kaufen, zu sanieren und wieder zu verkaufen. Bis dato hatten wir den Erfolg immer auf unserer Seite. Es waren immer Betriebe aus ganz unterschiedlichen Branchen. Im Grunde genommen geht es immer um dieselben zwei Fragen: Wo kann man Geld sparen und wo kann man Geld verdienen? Es ist immer eine spannende Situation, weil man es immer mit neuen Mitarbeitern, Produkten, Kunden, Lieferanten, Märkten und Herausforderungen zu tun hat. Aber es ist auch unheimlich anstrengend.

Werden Sie Längle & Hagspiel auch verkaufen?

Schobel: Auch Längle & Hagspiel wird mit Sicherheit verkauft. Wir haben zwei Söhne, die in völlig anderen Bereichen arbeiten und nie in den Betrieb einsteigen werden. Es war nie geplant, etwas für die Zukunft unserer Söhne zu kaufen, sondern es war der Wille, das Unternehmen zu retten.

Ihre gesamte Produktion wird in Höchst gefertigt. Wie kann man am Markt bestehen?

Schobel: Es ist nicht unbedingt die Handarbeit, aber die Qualität. Bei den Stühlen können viele der Teile nur mit einem geringen Automatisierungsgrad produziert werden. Wichtig für uns sind Kunden, die ein ganzheitliches Denken haben. Wenn jemand einen Stuhl bei uns kauft und den Tisch günstig bei einer Möbelhauskette, dann passt er nicht zu uns, denn mit unseren Produkten wird ein volkswirtschaftlicher Nutzen gestiftet, weil sie hier produziert werden. Das müssen unsere Kunden erkennen. Wenn jemand nur ein billiges Produkt sucht, ist er bei uns falsch.

Die Hölzer stammen aus zertifizierten heimischen Wäldern. Leder wird nach ökologischen Aspekten ausgewählt. Das macht sich beim Preis bemerkbar. Ist ein Ressourcenbewusstsein heute unabdingbar?

Schobel: Das muss nicht sein, aber es ist unsere Philosophie, dass wir alles aus einem Umkreis von 400 bis 500 Kilometern kaufen. Mit Ausnahme von Leder, das aus dem Burgenland kommt. Das führt natürlich zu höheren Kosten, aber wenn es uns gelingt, Kunden zu gewinnen, die auch so denken, dann bin ich überzeugt, dass es einen Markt gibt, der groß genug ist für unser Unternehmen.

Der Großteil der Möbel geht an Kommunen, Pflegeheime, Gastronomie. Wo sehen Sie das größte Potenzial?

Schobel: Wir spüren ganz gut die konjunkturelle Situation am Markt, also auch die Sparmaßnahmen bei der öffentlichen Hand. In der Krise 2008/09 ist es uns deshalb auch nicht gut gegangen. Da waren wir massiv gefordert. Letztlich ist unser Erfolg der, dass es uns noch gibt. Aber so haben wir gelernt, dass wir mehrere Standbeine haben müssen. Deshalb setzen wir verstärkt auch auf den privaten Markt. Wir suchen wieder den Zugang zum gehobenen Fachhandel, um einen Auftragsmix zu bekommen, denn die kommunalen Aufträge brauchen wir für die Auslastung in der Produktion, die kleineren Stückzahlen führen zu höheren Deckungsbeiträgen.

Sie setzen in puncto Design immer neue Akzente mit Produkten, die eigentlich definiert sind. Woher kommen die Ideen?

Schobel: Es gibt Messen, Fachzeitschriften, die Architektur und eine Menge Designer, die Vorschläge schicken. Letztlich kommt aber alles nach 30 Jahren wieder. Wir glauben zu spüren, dass derzeit eine Abkehr von Nussholz hin zu Esche und Ahorn passiert. Die Formen werden wieder organischer, also rund. Es wird einen Gegentrend zum Klaren, Geradlinigen geben.

Die Krise hat uns an den Rand unserer Möglichkeiten gebracht. Da waren wir massiv gefordert.

Günter Schobel hat den Möbelhersteller Längle & Hagspiel 2006 gekauft und saniert. In der Produktion in Höchst werden neben Tischen und Bänken rund 15.000 Stühle pro Jahr produziert. Fotos: VN/Steurer
Günter Schobel hat den Möbelhersteller Längle & Hagspiel 2006 gekauft und saniert. In der Produktion in Höchst werden neben Tischen und Bänken rund 15.000 Stühle pro Jahr produziert. Fotos: VN/Steurer
Günter Schobel erklärt im Gespräch mit den VN die Produktionsschritte eines Möbelstücks.
Günter Schobel erklärt im Gespräch mit den VN die Produktionsschritte eines Möbelstücks.

Kennzahlen

Längle & Hagspiel; Tische, Stühle und Bänke aus Massivholz

» gegründet 1954

» seit 2006 im Besitz von Günter Schobel

» seit 2011 Tochterunternehmen in der Schweiz

» 100 Prozent Fertigungstiefe in Höchst

» 22 Mitarbeiter in Höchst

» Zukaufteile aus einem Umkreis von ca. 400 Kilometern

Zur Person

Günter Schobel

Inhaber und Geschäftsführer von Längle & Hagspiel

Geboren: 11. 6. 1961

Ausbildung: Lehre als Werkzeugmacher bei der Firma Blum, viele nebenberufliche Ausbildungen, mehrere Studien angefangen (aber keines abgeschlossen), Meisterprüfung als Schlosser

Laufbahn: 1987 bis 1990 bei Längle & Hagspiel, Schichtleiter Parkettfabrik, Kauf und Verkauf verschiedener Firmen (u.a Steurer Trockunungssysteme, Hämmerle Kartonagen), 2006 Kauf von Längle & Hagspiel

Familie: verheiratet, zwei Söhne