„Der Konsens ist uns wichtig“

Markt / 06.07.2015 • 23:36 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Rund 120 Besucher machten sich beim VN-Stammtisch ein Bild über die Situation des Handels und die Für und Wider von grüner Wiese und Innenstadt. Fotos: VN/Hartinger  
Rund 120 Besucher machten sich beim VN-Stammtisch ein Bild über die Situation des Handels und die Für und Wider von grüner Wiese und Innenstadt. Fotos: VN/Hartinger  

Aufruf zum Miteinander beim VN-Stammtisch zum Thema Messepark und EKZ.

Dornbirn. Der Montagabend versprach heiß zu werden, und daran war nicht das Hoch Annelie schuld. Knapp 30 Grad Celsius hielten über 120 interessierte VN-Leser nicht davon ab, den VN-Stammtisch zum Thema „Innenstadt oder Grüne Wiese“ in der Fachhochschule Vorarlberg in Dornbirn zu besuchen. Entzündet hat sich die seit Monaten geführte öffentliche Diskussion an den Plänen des Dornbirner Messeparks, der im Zuge des Umbaus um die Erweiterung der Handelsfächen angesucht hat.

„Alte Dame“

Parteien, Einkaufs- und Wirtschaftsgemeinschaften, Interessenvertetungen sowie Unternehmer und Handelsforscher kämpfen seither mit mehr oder weniger sachlichen Argumenten für und wider Einkaufszentren. Nur Stadt Dornbirn und  Land Vorarlberg halten sich bedeckt, weil, so ein schwarzer Spitzenpolitiker, „die Willensbildung noch nicht endgültig erfolgt ist“. Weder Bürgermeisterin Andrea Kaufmann noch Landesrat Karlheinz Rüdisser (60) wollten zum jetzigen Zeitpunkt zum heißen Thema Stellung nehmen.

Beim VN-Stammtisch, der von Chefredakteur Gerold Riedmann (38) geleitet wurde, nutzte Messepark-Geschäftsführer Guntram Drexel (59) die Gelegenheit, um das Projekt vorzustellen. Das Unternehmen müsse tätig werden, der Messepark sei, bildlich gesprochen, eine alte Dame, bei welcher „der Lidstrich die Form verliert“. Nicht der Um- und Ausbau sei das Problem, sondern nur die Nutzung. Drexel: „Das heißt, ich darf alles hineinnehmen, nur keinen Fetzenladen.“ Drexel benannte auch deutlich den gemeinsamen Konkurrenten des stationären Handels in Innenstädten und Einkaufszentren – den Onlinehandel.

„Keine Angst vor E-Commerce“

Der wiederum machte Theresia Fröwis (58), Obfrau der Sparte Handel in der Wirtschaftskammer Vorarlberg, weniger Sorgen als die Einkaufszentren. „Ich fürchte mich nicht vor E-Commerce, den stationären Handel wird es immer geben.“ Ihre Aufgabe sei es, die Interessen der 6400 Handelsbetriebe im ganzen Land zu vertreten. „Wir sind grundversorgt“, stellt sie fest und fordert auf, die Raumplanungsrichtlinien einzuhalten. „Brauchen wir mehr Verkaufsflächen, wohin entwickeln wir uns langfristig“, fragt sie. Was in Einkaufszentren an Verkaufsflächen geschaffen werde, falle in den Ortskernen wieder weg.

Zwei Kernthemen

Der aus Wien angereiste Raumplanungsfachmann Erich Dallhammer (48) ortet die Diskussion, die derzeit in Vorarlberg geführt wird, in ganz Österreich. Die Innenstädte seien gehandicapt, weil sie nicht wie Einkaufszentren für den richtigen Mix sorgen. „Ein Center und Immobilienmanagement wären vonnöten“, so Dallhammer,  und er verdichtete zum Schluss der Diskussion seine Empfehlungen auf zwei Themen: die Kaufkraft in der Region und das Verkehrsmanagement.

ÖGB-Vorsitzender Norbert Loacker (63) pochte nicht nur auf die 300 neuen Arbeitsplätze, die entstehen sollten, er hob die volkswirtschaftliche Bedeutung des Messeparks hervor. Für ihn sei das ein klares Zukunftsthema und forderte ein, dass man miteinander nach Lösungen sucht. Wenn auch schon Frau Kaufmann nicht Stellung nahm, ihr Vorvorgänger Rudi Sohm (76) sagte klar, was die Stadtpolitik damals bewog, dem Messepark ihren Segen zu geben: „Wir bemühten uns um die Belebung der Wirtschaft, das umfasste auch die Belebung des Handels und eben des Handelstourismus in der Innenstadt und auf der grünen Wiese.“ Der Messepark habe auch die Innenstadt belebt, stellt er fest. Und er zog den Vergleich mit den Skigebieten, die anderswo wachsen. „Da fragt auch keiner, was wir mit unseren kleinen Skigebieten davon halten.“

„Sowohl als auch“

Unterstützung gab es für ihn von ungewohnter Seite. Auch SPÖ-Stadtrat Gebhard Greber (60) will nicht ein Entweder-Oder, sondern sowohl als auch von Messepark und Innenstadt anstreben. Bernd Bösch (54), grüner Politiker und Kaufmann, fordert indes einen Stop neuer Einkaufszentren, um endlich Chancengleichheit zu erzielen.

Die Proponenten am VN-Stammtisch kamen aber zu einem gemeinsamen Ergebnis: Statt die Gräben noch tiefer werden zu lassen, soll die Diskussion gemeinsam geführt werden. „Der Konsens ist uns wichtig – dass wir zusammensitzen, auch die Wirtschaftskammer“, sagt Fröwis abschließend.

Am Podium (v. l.): Erich Dallhammer, Guntram Drexel, CR Gerold Riedmann, Handelssprecherin Theresia Fröwis und ÖGB-Chef Norbert Loacker.  
Am Podium (v. l.): Erich Dallhammer, Guntram Drexel, CR Gerold Riedmann, Handelssprecherin Theresia Fröwis und ÖGB-Chef Norbert Loacker.  
Ich bin gegen die Erweiterung, weil die Geschäfte in der Innenstadt geschützt werden müssen. Sonst müssten sie schlimmstenfalls zugunsten eines Zentrums zusperren.Michael Rachbauer 35, Dornbirn
Ich bin gegen die Erweiterung, weil die Geschäfte in der Innenstadt geschützt werden müssen. Sonst müssten sie schlimmstenfalls zugunsten eines Zentrums zusperren.
Michael Rachbauer 35, Dornbirn
Der Messepark soll erweitert werden, weil auf keiner grünen Wiese gebaut wird. Ich glaube nicht, dass der Messepark Geschäften im Bregenzerwald Umsatz wegnimmt. Bruno Jutz 63, Dornbirn
Der Messepark soll erweitert werden, weil auf keiner grünen Wiese gebaut wird. Ich glaube nicht, dass der Messepark Geschäften im Bregenzerwald Umsatz wegnimmt.
Bruno Jutz 63, Dornbirn
Wir leben in einer freien Marktwirtschaft, also sollte die Erweiterung nicht verboten werden. Außerdem bringt der Messepark viele Käufer von außerhalb ins Land. Victoria Fitz 30, Lustenau
Wir leben in einer freien Marktwirtschaft, also sollte die Erweiterung nicht verboten werden. Außerdem bringt der Messepark viele Käufer von außerhalb ins Land.
Victoria Fitz 30, Lustenau
Ich bin nicht gegen eine Neugestaltung, aber gegen eine Ausweitung der Verkaufsfläche. Diese würde für das Rheintal mehr Verkehr und weniger Arbeitsplätze bedeuten. Bernd Bösch 54, Lustenau
Ich bin nicht gegen eine Neugestaltung, aber gegen eine Ausweitung der Verkaufsfläche. Diese würde für das Rheintal mehr Verkehr und weniger Arbeitsplätze bedeuten.
Bernd Bösch 54, Lustenau
Meiner Meinung nach bestimmt die Erweiterung des Messeparks nicht wesentlich überden Erfolg der Innenstadtgeschäfte. Entscheidend ist die gelebte Struktur vor Ort. Eva Mohr 48, Dornbirn
Meiner Meinung nach bestimmt die Erweiterung des Messeparks nicht wesentlich überden Erfolg der Innenstadtgeschäfte. Entscheidend ist die gelebte Struktur vor Ort.
Eva Mohr 48, Dornbirn

Stimmen

Nur dem Messepark schreibt man vor, nicht zu wachsen. Das verstehe ich nicht. Die Devise sollte Innenstadt und Grüne Wiese sein, nicht oder. Das Land muss zur Kenntnis nehmen, dass der Messepark eine überregionale Bedeutung hat. Rudi Sohm

Selbst in Bezau gibt es viele, die für den Messepark sind. Wenn jemand so viel Geld in die Hand nimmt, gehört das einfach unterstützt.

Herbert Fussenegger

Jeder Unternehmer muss sich ständig neu erfinden, deshalb sind sie so stark, sich auf die neue Situation einzustellen. Es braucht deshalb auch keine Regulierung. Gerhard Ölz

Wir möchten als Händler in der Peripherie auch leben können.

Harald Rudigier

Eine Innenstadt kann nicht so große Verkaufsflächen vermieten wie ein Einkaufszentrum.

Markus Aberer

Der Messepark steht nicht auf der grünen Wiese und hat der Innenstadt die letzten 30 Jahre nicht geschadet. Wenn sich ein Dornbirner Unternehmen zum Standort bekennt, muss die Stadt das begrüßen wenn man eine Wirtschaftsstadt sein will. Und: 50 Prozent der Geschäfte im Messepark sind keine Handelsketten, sondern Vorarlberger Unternehmer. Ihnen muss man die Chance geben zu wachsen. Dass die Innenstadt unter Druck steht, liegt nicht am Messepark. Gebhard Greber

Vom VN-Stammtisch in Dornbirn berichten: Hanna Reiner, Andreas Scalet, Aaron Brüstle (Texte); Klaus Hartinger (Fotos)