Was ein Manager vom Papst alles lernen kann

04.10.2015 • 18:35 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Bestsellerautor Andreas Salcher mit seinem Buch. Foto: ecowin
Bestsellerautor Andreas Salcher mit seinem Buch. Foto: ecowin

Andreas Salchers Buch über die Kirche kommt an der Management-theorie nicht vorbei.

Wien. (VN-reh) Andreas Salcher kennen die meisten Menschen als Bildungskritiker. Mit seinem neuesten Werk „Alles oder nichts“, das er zusammen mit dem Mediziner und Theologen Johannes Huber geschrieben hat, begibt er sich auf eine Reise von heute bis ins Jahr 2035 – und zwar aus der Perspektive von Papst Franziskus und seiner Nachfolger.

Papst Franziskus hat große Aufgaben vor sich. Die Lebensrealität der Mitglieder klafft mit den Lehren der Kirche auseinander, die Zahlen bei Mitgliedern und Priesternachwuchs gehen zurück. Hat der Papst aber auch die Fähigkeiten, einen Change-Management-Prozess einzuläuten? „Nach Nelson Mandela und dem Dalai Lama ist er die globale Führungsfigur. Papst Franziskus zeichnet sich durch eine enorme Authentizität aus“, sagt Andreas Salcher. Zudem habe er die Fähigkeit, mit Symbolen zu kommunizieren. Wenn er, wie unlängst in den USA, mit seinem Fiat zwischen den Limousinen vorfährt, könne sich ihm niemand entziehen. Dabei, und das sei eine große Qualität, wirke es nicht aufgesetzt. Für einen Papst eher ungewöhnlich hat Franziskus wie ein „weltlicher CEO“ sogar McKinsey und den ehemaligen EU-Kommissar Chris Patten als Berater mit an Bord geholt.

„Mutiger Veränderer“

Zudem sei er ein mutiger Veränderer. „Er geht nicht den bequemen Weg, sondern baut die Brücke ins 21. Jahrhundert. Dass er ein geschickter Stratege ist, hat er gerade bewiesen, als er den Umgang mit geschiedenen Wiederverheirateten thematisierte, weil er weiß, wie viele das betrifft. Große Organisationen wie die Kirche oder Unternehmen müssen Schritte schaffen, sonst gehen sie unter“, sagt Salcher und vergleicht das mit einem Beispiel aus der Wirtschaft. Kodak ist untergegangen, weil man nicht energisch genug der Digitalisierung entgegengesteuert hat, während Fuji den mutigen Sprung in die Pharmaindustrie gegangen ist. „Wenn ein Produkt, oder wie bei der katholischen Kirche eine Botschaft nicht mehr ankommt, muss man die Botschaft ändern oder anders kommunizieren.“

Wie sieht nun so
ein Change-Management-Prozess aus? Erste Schritte hat der Papst bereits eingeläutet. So hat er ein Hauptproblem, woran viele Veränderungsprozesse scheitern, entschärft. Nämlich die Widerstände innerhalb der „Belegschaft“. In seinem Fall der Kurie. Legendär ist seine Weihnachtsansprache, in der er von deren 15 Krankheiten sprach: „Sich unsterblich fühlen“ oder „Terrorismus des Geschwätzes“. „Benedikt ist an den Intrigen der Kurie gescheitert. Franziskus scheut sich nicht, deren Macht zu zerschlagen“, erklärt Salcher.

Aber wie misst man, ob ein Veränderungsprozess Erfolg hat? Bei einem Unternehmen wären es Umsatz und Gewinn, bei der katholischen Kirche wohl eher die Mitgliederzahlen. „Ein Run ist noch keiner zu erkennen. Aber Franziskus hat Relevanz. Das hat man in den USA gesehen, wo er von allen großen Medien Aufmerksamkeit bekam. Man hört ihm zu, auch wenn ihm nicht alle zustimmen“, so der Autor, der bei Franziskus einen „Teflon-Effekt“ sieht. „Wenn Papst Benedikt die gleichen Aussagen getätigt hätte, wären alle über ihn hergefallen. Franziskus hat ein gutes Gespür dafür, wo die Menschen der Schuh drückt.“

Viele Herausforderungen

Eine große Herausforderung sieht Salcher indes in der Versöhnung mit den Frauen. Denn wenn man die Frauen verliert, verliere man auch die Kinder und dann befinde man sich in einer echten Sackgasse. Das größte Problem sei aber der Verlust an Spiritualität und Mystik. Heute glauben nur noch vier Prozent der Menschen in Europa an die Hölle. Jede Organisation, jedes Unternehmen brauche eine Mission, die für jeden spürbar ist. „Die Kirche muss weiblicher und spiritueller werden und sie muss jesuitischer werden, sich stärker an der Grundbotschaft Jesu orientieren.“ Jesus liebt dich. Jesus schloss niemanden aus. „Wenn sie das in 20 Jahren nicht ist, wird sie nicht mehr sein“, sagt Salcher. „Alles oder nichts“.