Andreas Scalet

Kommentar

Andreas Scalet

Gute Wirtschaft, böse Wirtschaft

Markt / 14.10.2015 • 22:19 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Produktion ja, Handel nein? Gibt es zwei Klassen von Wirtschaft am Standort Vorarlberg? Sind Handelsunternehmen Betriebe zweiter Ordnung, wenn es um die Weiterentwicklung der Wirtschaft in unserem Land geht? Es scheint ganz so: Wenn man die verkehrs-, umwelt- und wirtschaftspolitische sowie raumplanerische Argumentation in den Diskussionen um die großen Handelsprojekte verfolgt, hat der Handel in Vorarlberg nur noch wenig Chancen, neue Projekte aufzustuhlen bzw.  bestehende auf den neuesten Stand zu bringen.

Der Platz im kleinen Land sei zu wertvoll, um ihn Händlern zu überlassen, sagt zum Beispiel der Präsident der Vorarlberger Wirtschaftskammer, Manfred Rein, in aller Öffentlichkeit und negiert damit, dass knapp ein Drittel der Zwangsmitglieder in der Wirtschaftskammer den Handelsbranchen angehören. Er und wahrscheinlich der Wirtschaftslandesrat vergessen, dass rund 20.000 Menschen Arbeitsplätze in den kleinen wie großen „Kaufläden“ sowie im Großhandel haben, dass ein wesentlicher Teil der Finanzierung der Interessenvertretung von Handelsbetrieben geleistet wird.

Dabei hätten die Kaufleute ahnen müssen, dass sie einst in ihrer Interessenvertretung nur noch eine untergeordnete Rolle spielen werden: Sie hätten sich wehren müssen, als aus der Handelskammer ganz neumodisch die Wirtschaftskammer wurde. Und erst recht, als der frühere Handelskammerpräsident und Händler Kuno Riedmann vom Handwerker und Politiker Rein abgelöst wurde.

Der gesetzliche Auftrag der Wirtschaftskammer, nämlich für den Ausgleich der Interessen der verschiedensten Branchen und Unternehmen zu sorgen, spielt in der aktuellen Diskussion auf jeden Fall keine Rolle mehr. Und auch die Fehler früherer Jahre werden nicht mehr erwähnt, etwa die Praxis, bei großen Betrieben in der Raumplanung durchaus auch Ausnahmen zu machen, sei das im Raum Feldkirch oder im Bregenzerwald oder im Montafon. Das waren Maßnahmen, die den kleineren Händlern in etlichen Branchen die Luft abschnürten.

Sicher, die Industrie braucht Flächen und zwar deutlich größere als der Handel, da hat der Präsident schon recht: Doch wie Anfang der 90er Politiker von einer Dienstleistungsgesellschaft träumten und der Produktion am liebsten Ade gesagt hätten, so geht auch diesmal die Rechnung nicht auf: Der Handel braucht genauso Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten wie andere Wirtschaftszweige. Da müssen die Mitglieder von ihrem Präsidenten gleiches Recht für alle einfordern.

Der Handel braucht in Vorarlberg genauso Entwicklungsmöglichkeiten wie andere Branchen auch.

andreas.scalet@vorarlbergernachrichten.at, 05572/501-862