Auf die Privatkonkurse rollt Tsunami-Welle zu

Markt / 07.06.2017 • 22:14 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Auf die Privatkonkurse rollt Tsunami-Welle zu

Nach dem Rückgang folgt der Gegenschlag. Nur Firmenpleiten zeigen sich stabil.

Feldkirch. (VN-reh) Ähnlich einem Tsunami – so sieht der Kreditschutzverband KSV1870 das Bild, das sich bald bei den Privatkonkursen abzeichnen wird. Zwar gab es laut Statistik im ersten Halbjahr 2017 in Vorarlberg um 49 Prozent weniger Privatinsolvenzen. 106 Schuldenregulierungsverfahren wurden an den Vorarlbergern Bezirksgerichten eröffnet. Der Grund dafür liegt laut KSV1870-Niederlassungsleiter Armin Rupp allerdings nicht etwa in der verbesserten Situation der Schuldner, sondern schlicht darin, dass momentan viele auf die versprochenen Erleichterungen der Insolvenznovelle spekulieren. Der wichtigste Punkt der neuen Regelung sieht nämlich vor, dass sich Schuldner im Abschöpfungsverfahren innerhalb von drei Jahren ohne jegliche Quotenerfordernis entschulden können. „Es ist fraglich, ob das neue Verfahren tatsächlich die Zielgruppe der Leistungsschwachen in das Verfahren bringen wird“, bezweifelt Rupp.

Letztlich werde diese Novelle die Quotenrückflüsse der Gläubiger massiv reduzieren. „Das scheint das dahinterstehende antikapitalistische Kalkül der Sozialpolitik zu sein: statt Schulden zu tilgen, sollen Schuldner das Geld lieber in den Konsum stecken“, so Rupp. Am Schluss müsse der Markt die Verluste einpreisen und alle bemühten Kreditnehmer würden mit höheren Zinsen dafür bezahlen. So werde es dann im zweiten Halbjahr zum Gegenschlag kommen, eben wie bei einem Tsunami, der das Meer zuerst zurückweichen lässt. Das bedeutet, dass sich zum Jahresende die Gesamtinsolvenzen auf dem Niveau von 2016 bewegen werden.

Firmenpleiten noch stabil

Bei den Firmeninsolvenzen zeigt sich die Lage indes genauso stabil wie die Wirtschaft im Allgemeinen. 70 Firmen schlitterten im ersten Halbjahr 2017 in die Pleite. Nicht mehr und nicht weniger als im Vorjahr, sondern exakt gleich viele. Diese Situation soll laut Armin Rupp im Gesamtjahr nahezu so bleiben. Danach könnte sich die Situation allerdings ändern. „Wir stehen an der Schwelle einer Konjunkturbelebung. Sollte sich das Wirtschaftswachstum noch drei bis vier Quartale halten lassen, dann werden die Zinsen wieder auf ein normales Niveau ansteigen, und damit auch die Insolvenzen. Diese Entwicklung wird aber frühestens 2018 zu spüren sein“, erklärt der Experte. Das Zinsniveau ist ganz entscheidend für die Zahl der Insolvenzen. So waren auch die tiefen Zinsen der vergangenen Jahre der Grund für die rückläufige Zahl der Firmenpleiten.

17 Millionen Verbindlichkeiten

Betroffen von einer Pleite waren im ersten Halbjahr hauptsächlich kleine Dienstleistungsunternehmen und kleine Gewerbebetriebe. Große zweistellige Millionenpleiten blieben heuer bislang aus. Das erklärt auch, wieso die Höhe der Verbindlichkeiten, die diese Firmen angehäuft haben, um knapp 40 Prozent auf rund 17 Millionen Euro zurückging. Die größte Insolvenz war jene der Schuh & Schuh PKTS GmbH (Vögele Shoes) mit Verbindlichkeiten in der Höhe von drei Millionen Euro. Diese sorgte auch dafür, dass die Zahl der von einer Insolvenz betroffenen Dienstnehmer stark anstieg. Denn allein bei Schuh & Schuh sind 244 Mitarbeiter betroffen. Allerdings, so Rupp, bestehe in diesem gescheiterten Sanierungsverfahren zumindest für rund 100 Dienstnehmer eine realistische Möglichkeit, am selben Standort von einem neuen Einzelhändler übernommen zu werden.

Wir stehen an der Schwelle einer Konjunkturbelebung.

Armin Rupp, KSV1870