„Wie in einem ganz kleinen Silicon Valley“

Markt / 04.05.2018 • 15:58 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Dank Identec Solutions kennt man Inhalt und Temperatur eines Kühlcontainers.

Dank Identec Solutions kennt man Inhalt und Temperatur eines Kühlcontainers.

Warum Vorarlberg für Urban Siller, CEO von Identec Solutions, ein guter Standort ist.

Lustenau Urban Siller macht mit Identec Solutions Dinge sichtbar. Im Interview spricht er über Innovation und die Herausforderung mitbewerbender Technologien.

 

Im Hightechbereich Außenstehenden auf einfache Art zu erklären, was man genau entwickelt, ist gar nicht so einfach. Wie machen Sie das bei Identec Solutions?

Siller Wir liefern Kunden Sichtbarkeit von Dingen, die sie normalerweise nicht sehen würden. Wenn irgendwo beispielsweise Tausende Kühlcontainer stehen, weiß man mit unserem System, was drinnen ist und welche Temperatur und Feuchtigkeit herrschen. Aus diesen Daten können wir ablesen, ob es der Ware gut geht oder kritisch wird.

 

In welchen Branchen kommt diese Technologie noch zum Einsatz?

Siller Zum Beispiel in der Ölindustrie. Auf einer komplexen Ölplattform wissen wir, wo sich die Mitarbeiter aufhalten. Letztendlich ist das eine gesetzliche Vorgabe, aber für den Betreiber ist es auch für den normalen operativen Ablauf ein sehr sinnvolles Wissen.

 

Ist Innovation die DNA von Identec Solutions?

Siller Auf jeden Fall. Die DNA kommt noch von Gantner Electronic, wo das bereits das Mantra war. Es geht um innovative Lösungen und darum, zu schauen, was technisch machbar ist und was andere nicht können. Das treibt häufig auch ganz interessante Ansätze.

 

Wie hoch ist der Aufwand an Forschung und Entwicklung, um im globalen Wettbewerb zu bestehen?

Siller Eine Zahl, die das deutlich macht, ist, dass wir von 80 Mitarbeitern 30 Entwickler haben.

 

Wie steht Identec Solutions im internationalen Wettbewerb?

Siller Es sind über die Jahre einige Mitbewerber entstanden. Wobei man das sportlich sehen muss. Wenn man keine Mitbewerber hätte, wäre das eher dramatisch, weil es bedeuten würde, dass man in Industrien ist, die komplett unattraktiv sind. Die größere Herausforderung sind vielmehr die plötzlich mitbewerbenden Technologien.

 

Was kann man darunter verstehen?

Siller Dass uns plötzlich Dinge, die man mit Industrieapplikationen gar nie in Verbindung gebracht hätte, Geschäft wegnehmen können. Weil sie Dinge abbilden können, die man bislang nur mit unserer oder vergleichbarer Technologie machen konnte. Smartphones zum Beispiel. In Minen, wo Menschen untertage kommunizieren müssen, hat man angefangen, ein eigenes Mobilfunknetz zu installieren. Dann hat man gesagt, wenn alle Mitarbeiter iPhones haben, installieren wir Apps darauf und nutzen Wifi-Daten und dann wissen wir auch, wo die Leute gerade sind. Damit braucht man unsere Lösung nicht mehr.

Wie reagieren Sie darauf?

Siller Da müssen wir schnell sein oder einfach besser. In diesem besagten Fall haben wir festgestellt, dass diese Lösung deutlich schlechter funktioniert als unsere. Man kann also gegen den Trend kämpfen oder sagen, vielleicht ist ja was machbar. Wir haben unsere Lösung um den Mobilfunkansatz erweitert und können nun das mit den Mobiltelefonen auch, aber besser. Das ist die Einstiegslösung. Wenn man absolute Sicherheit braucht, kann man unsere bestehende Lösung kaufen, die mit dieser zusammenarbeitet. So hat man aus der Not ein besseres Produkt gemacht.

 

Ist es diese Fähigkeit, die Konzerne von Ihren Lösungen überzeugt?

Siller Es geht immer auch darum, ob es wirklich funktioniert. Unsere Lösung ist nicht nur innovativ, sondern auch robust, funktioniert im industriellen Umfeld und arbeitet präzise. Meistens kommen wir nur über einen Pilotversuch zum Zug. Es wird im Kleinen ausprobiert, und wenn es die Erwartungen erfüllt, wird es eingeführt. Bei der Kühlcontainer-Lösung ist es einfacher. Da kann man verschiedene Anwender besuchen und hört, dass es funktioniert. Bei Ölplattformen oder beim Brennerbasistunnel ist man da oft lange dran.

 

Ist Vorarlberg ein guter Standort, auch hinsichtlich der Fachkräfte?

Siller Nicht alle unsere Entwickler sitzen hier in Lustenau. Somit haben wir nicht so die Gefahr, dass sie abgeworben werden. Zudem rekrutieren wir Mitarbeiter aus der ganzen Welt. Genauso haben wir gerade einen Dornbirner eingestellt. Insgesamt haben wir also eine schöne Mischung. Vorarlberg an sich ist ein guter Standort. Weil hier viele andere Hightechunternehmen angesiedelt sind, ist man wie in einem ganz kleinen Silicon Valley. Es herrscht ein guter Spirit. Zum Schmunzeln ist nur, dass wir im Land selbst eigentlich keine Kunden haben.

 

Sie haben fünf Standorte weltweit. Wäre es machbar,  von einem Standort aus alle Märkte zu bedienen?

Siller Ursprünglich kamen die Standorte über Akquisitionen. Aber nur von Lustenau aus könnten wir unsere weltweite Kundenbasis nicht ausreichend bedienen. Wir müssen näher dran sein. Insgesamt ist es ein Spagat. Wir versuchen, möglichst viel zu zentralisieren, Finanzen zum Beispiel. Dafür sind Service und Verkauf dezentral an den Standorten. Der Entwicklungsbereich wiederum ist verteilt.

 

Was kann man von Identec Solutions in naher Zukunft erwarten?

Siller Im Industrieumfeld gibt es weiter das Bedürfnis, Sichtbarkeit zu erhalten. Was uns zudem positiv stimmt, sind die Bestrebungen der Mobilfunkanbieter, einen neuen Standard zu bringen, der beinhaltet, dass man Dinge vernetzen kann. Im weitesten Sinne ist es das, was wir mit unserer Technik bereits machen. Der Receiver als Gegenstück zum Responder kann dann vom Mobilfunkanbieter bereitgestellt werden. Ich sage aber nicht, um Gottes Willen, das nimmt uns Geschäft. Vielmehr wird die Technik dadurch erst richtig skalieren.

„Viele Entwicklungen sieht man meist erst, wenn der erste Kunde damit ankommt.“

Den Mitbewerb sieht Urban Siller sportlich: „Für mich ist das normal. Ansonsten wäre es dramatisch, weil es bedeuten würde, dass man in Industrien ist, die komplett unattraktiv sind, weil sie kein anderer besetzt.“ VN/Steurer
Den Mitbewerb sieht Urban Siller sportlich: „Für mich ist das normal. Ansonsten wäre es dramatisch, weil es bedeuten würde, dass man in Industrien ist, die komplett unattraktiv sind, weil sie kein anderer besetzt.“ VN/Steurer

Kennzahlen

Gegründet 1999

Aktionäre GVG AG (Anteil: 25,15 %), Identec Group AG (7,18 %), IDS AG (60,29 %), RFID Beteiligungs GmbH (1,67 %), weitere Investoren (5,71 %)

Geschäftsführung Urban Siller

Umsatzerwartung 2018 rd. 20 Mill. Euro

Mitarbeiter 80

Niederlassungen Australien, USA, Norwegen, Deutschland

Privat

Urban Siller

Geboren 20. Dezember 1969

Ausbildung Maschinenbaustudium, Wirtschaftsstudium

Laufbahn Vorstandsassistent Bertelsmann, Hilti AG im Bereich Logistik, Zeiss Business Unit Medizinprodukte, Geschäftsführung Identec Solutions

Familie verheiratet, zwei Kinder

 

Schon von Anfang an war für die Eltern von Urban Siller klar, dass der Sohn Ingenieur werden soll. So war es auch, nur die Fachrichtung war nicht von Anfang an klar. Es wurde Maschinenbau, erzählt er. Er hängte dann noch ein Wirtschaftsstudium dran. In die Bodensee-Region kam Siller erstmals, als er für Hilti arbeitete. Damit war es um die Familie Siller geschehen: „Wir wollen die Gegend hier am Bodensee nie mehr aufgeben, der Familie taugt es super.“ Die Gegend kommt auch Sillers sportlicher Freizeitgestaltung sehr entgegen: „Ich bin ein passionierter Skifahrer, das kann ich mindestens das halbe Jahr machen, weil ich auch Skitouren gehe.“ Im Sommer findet man ihn auf den Straßen und Wegen im Appenzell, die er nutzt, um Rad zu fahren.