Die Wettbewerbsarena der Zukunft

Markt / 07.11.2019 • 19:20 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Boris Marte ist gebürtiger Bregenzer, Leiter der Innovationsmanufaktur der Erste Group und Geburtshelfer von George.towa
Boris Marte ist gebürtiger Bregenzer, Leiter der Innovationsmanufaktur der Erste Group und Geburtshelfer von George.towa

Wie Banken im Spannungsfeld zwischen digitaler und ureigener Kompetenz agieren.

Bregenz Etablierte Bankmanager und Fintech-Unternehmer auf einem zweitägigen Gipfeltreffen bei Vorträgen und gemeinsamen Workshops zusammenzubringen, geschieht nicht allzu oft. „Dass die Kooperation zwischen Entscheidungsträgern des Finanzsektors aus Österreich, Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein aus dem konventionellen sowie dem digitalen Bereich so gut klappt, lässt mich hoffnungsvoll in die Zukunft blicken“, sagt Michael Grahammer, der den Digital Banking Summit zusammen mit der Digitalagentur Towa und der Bankenberatung Confidum ins Leben gerufen hat.

Digitalisierung kostet Geld

Die Banken stehen in einem harten Wettbewerb, wenn es um digitale Lösungen geht. „Die Digitalisierung fällt genau mit dem Umbruch der Rahmenbedingungen für die Branche zusammen“, spricht Chris­tof Grabher (Managing Director von Confidum) die Zinssituation an, die heftig an der Ertragskraft der Banken nagt. Dennoch könne eine Bank heute nicht auf Digitalisierung verzichten, auch wenn diese richtig Geld koste. „Zwischen 2015 und 2018 wurden von Banken weltweit 1000 Milliarden Dollar in Digitalisierung investiert. Die IT-Kosten von Regionalbanken sind in den letzten fünf Jahren zwischen 20 und 35 Prozent gestiegen.“ 

Je mehr Kunden ihre Bankgeschäfte online abwickeln, desto höher die Produktivität der Banken. Blickt man auf die recht stabilen Mitarbeiter- und Filialzahlen, werde das von Regionalbanken allerdings noch zu wenig genutzt, sagt Grabher. Direktbanken können sich diesen Vorteil stärker zu eigen machen und seien somit – genauso wie Vergleichsplattformen – eine gefährliche Konkurrenz. Umso wichtiger sei es deshalb, dass die Digitalisierung nicht der IT oder dem Vertrieb übertragen werde, sondern Thema des Top-Managements sei.

Es ist etwas möglich

Das hat man sich bei der Sparkasse Bodensee (Bilanzsumme: 4,5 Milliarden Euro) bereits verinnerlicht. Alle Ideen von Mitarbeitern landen direkt im Postfach des Vorstandsvorsitzenden Lothar Mayer. Er wollte seinen Arbeitsplatz jedenfalls nicht eines Tages im Museum vorfinden, weil das Ende der Filialbanken gekommen ist, wie er sagt. „Früher war die stationäre Präsenz die große Stärke“, so Mayer über das Dilemma. Die Filialen sollten aber nicht der Mühlstein sein, der das Haus nach unten zieht. So verordnete er der Sparkasse einen Digitalisierungskurs. Entwickelt von den jüngsten und den etablierten Mitarbeitern des Hauses, von kleinen, agilen Teams und ausgestattet mit dem Mut, etwas Neues auszuprobieren. Neuestes Projekt der Sparkasse Bodensee ist die LiveBox. „Hier kann ein Kunde in einer Filiale zwischen acht und 20 Uhr über einen Bildschirm und in Interaktion mit einem Berater seine Bankgeschäfte erledigen“, erklärt Mayer das Konzept. Denn zuvor sei im mitarbeiterbedienten Service im Durchschnitt nur alle 20 Minuten ein Service erbracht worden. Dieser Kostenfaktor sei nicht mehr zu rechtfertigen gewesen. Dennoch müsse man mit diesem Konzept nicht auf die Präsenz verzichten. „Es ist etwas möglich, auch in unserer Größe“, so sein Fazit.

Millionen für Digitalisierung

Die St. Galler Kantonalbank ist mit einer Bilanzsumme von 33 Milliarden Euro etwas größer. Aber auch sie wollte nicht auf die Präsenz verzichten, wie Felix Buschor, Mitglied der Geschäftsleitung, erklärt. „Die fürs Leben entscheidenden Momente wie ein Wohnungskauf oder die Vorsorge können nicht ausschließlich digital abgewickelt werden, sondern brauchen den Berater.“  Die Bank greift dabei Digitalisierungsansätze auf, die andere schon erprobt haben, und versucht, sie cleverer umzusetzen. Pro Jahr werden mittlerweile acht bis zehn Millionen Schweizer Franken in die Digitalisierung investiert. Ob die Bank mit den Lösungen Geld verdient? Nur zwischen 15 und 20 Prozent der Zielgruppe würden die digitalen Lösungen auch nutzen. „Die Gesamtzahl ist zu gering, die Stückkosten hoch“, resümiert er. Aber letztlich stelle sich die Frage: „Mache ich nichts mehr oder mache ich es trotzdem. Denn die Konkurrenz macht es.“

Raum zum Ausprobieren

Boris Marte ist Geburtshelfer von George, dem digitalen Banking von Erste Bank und Sparkassen – mit einer Bilanzsumme von 250 Milliarden Euro eine der führenden Bankgruppen in Zentral- und Osteuropa. Die Entwicklung in einem eigenen Lab begann 2012. „In einer Zeit, als die Begriffe Java oder Interface absolute Fremdwörter waren.“ Heute arbeiten dort 325 Mitarbeiter und George hat 5,3 Millionen Kunden in vier Ländern. Die Erfolgsfaktoren?  „Einen Raum zum Ausprobieren zu schaffen, weg von der festgefahrenen regulatorischen Struktur. Eine Tugend, die der Bankbranche eigentlich nicht so liegt. Aber der digitale Kunde ist auch ein völlig anderer Typ“, sagt Marte. Um ihn zu gewinnen, müsse man es hinsichtlich des Erlebnisses mit Konkurrenten wie Google oder Facebook aufnehmen. „Denn sie sind es, die die digitale Kundenerwartung definieren.“

„Wir wollten nicht, dass sich unser Arbeitsplatz irgendwann im Museum befindet.“

Initiatoren Michael Grahammer und Florian Wasserl (Towa). towa
Initiatoren Michael Grahammer und Florian Wasserl (Towa). towa