Ein besonderes letztes Jahr

Markt / 10.11.2020 • 22:18 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
V. l.: Werner Gunz mit dem neuen Führungsteam des Unternehmens: Stefan Gunz, Simone Gunz und Michael Temel. FA/L.Mathis
V. l.: Werner Gunz mit dem neuen Führungsteam des Unternehmens: Stefan Gunz, Simone Gunz und Michael Temel. FA/L.Mathis

Bei Gunz Warenhandel übernimmt die nächste Generation. Werner Gunz zieht sich zurück.

Mäder Eigentlich hat sich Werner Gunz seinen Abschied aus dem Unternehmen etwas anders vorgestellt. Doch damit wird es heuer nichts. Er feierte am Dienstag seinen 60. Geburtstag in kleinstem Kreis – nämlich mit seiner Frau – und gleichzeitig seinen ersten Tag im Ruhestand. Die Geschäfte, so erzählt er im Gespräch mit den VN, werden schon länger von der jungen Generation geführt. Er werde sich hüten, ihnen reinzureden. Deshalb wird er auch keine Funktion im Unternehmen ausüben.

In über 100 Ländern aktiv

Was er und über viele Jahre auch sein Bruder Helmut auf die Beine gestellt haben, ist ein Handelsunternehmen, das inzwischen in über 100 Ländern präsent ist. 2,4 Millionen Euro betrug der Jahresumsatz im Jahr 1996, heute sind es rund 150 Millionen, die das Unternehmen umsetzt. Mit 21 Eigenmarken und rund 1200 Artikeln ist Gunz Lebensmittel bei 9500 Kunden auf der Lieferantenliste. Und auch heuer, im durch Corona geprägten Jahr, kann sich das Unternehmen gut behaupten. „Wir werden heuer einen Umsatz wie im vergangenen Jahr haben“, dem bisher besten in der Geschichte der Firma.

Dabei macht sich die breite geographische Aufstellung des Unternehmens, das Niederlassungen in Deutschland, Weißrussland und der Schweiz hat, bezahlt. Während z. B. Italien mit einem großen Minus auffällt, ist in der Schweiz das größte Wachstum zu verzeichnen. Auch in der Ukraine, in Weißrussland und Russland wurden die Umsätze kräftig gesteigert. „In China haben wir aufgeholt“ und sogar in den USA, in der Gunz jahrelang versuchte, eine Niederlassung zu etablieren, läuft heute das Geschäft auch ohne Niederlassung gut. Operativ haben das die Nachfolger, Schwiegersohn Michael Temel, sowie die Kinder Stefan und Simone (die derzeit in Babypause ist) gemanagt, berichtet er.

Die Werte leben

Der Übergabe ist ein jahrelanger Prozess vorausgegangen, der gezeigt habe, dass die Junioren das Geschäft verstehen und – ganz wichtig – die selben Werte leben wie Werner Gunz sie vertritt. Welche das sind, hat er sogar in einem Buch niedergeschrieben, das er langjährigen Partnern und Mitarbeitern quasi als Abschiedsgeschenk überreicht. Der umtriebige Kaufmann, der schon als Kind anzupacken lernte, hat im Laufe seines Berufslebens für das Unternehmen und sich selbst Werte definiert, die ungewöhnlich sind – gerade in einer harten Branche wie es der Lebensmitteldiscount mit seinem harten Wettbewerb sind.

„Ein Meilenstein“

Eine Initialzündung dafür war ein Gespräch mit dem Dornbirner Sparkassen-Chef Werner Böhler, der ihm die Gemeinwohlwirtschaft näher gebracht hat. „Das war vor vier Jahren ein Meilenstein für mich“, so Gunz. Je tiefer er sich eingelesen hat in die Materie, umso aktiver setzte er alles daran, das Gemeinwohl in den Vordergrund zu holen – etwa als inzwischen größter Partner von Fairtrade Österreich im Kakao-Bereich. Knapp ein Prozent der weltweit fair gehandelten Schokolade wird inzwischen von Gunz unter die Konsumenten gebracht. 1000 Bauernfamilien bauen die Kakaofrucht auf 37.000 Hektar an. Den höheren Preis, der für Gunz eine runde Million Euro Mehrkosten gegenüber dem „normalen“ Weltmarktpreis verursacht, zahle man gerne, auch jetzt, wo die Weltmarktpreise im Keller sind.

Ein Wert, der nicht nur im Einkauf gelebt wird, sondern auch im Unternehmen selbst. Die Mitarbeiter werden am Erfolg beteiligt, und zwar alle. „Jeder von der Putzfrau bis zum Manager erhalten genau gleich viel“, auch erhalten alle Mitarbeiter, egal in welchem Land mit welchen Lohnsystem sie arbeiten, erhalten ein 13. Und 14. Monatsgehalt, außerdem wurde ein Sozialfonds für Mitarbeiter aufgebaut, der unterstützt, wenn Hilfe notwendig ist“. Doch das Engagement beschränkt sich nicht nur auf das Unternehmen, man wird ab heuer zusätzlich ein Prozent des Umsatzes in soziale Projekte und Hilfe in Vorarlberg investieren, aktuell sind das jährlich 1,5 Millionen Euro. Damit das Geld dort ankommt, wo es gebraucht wird, arbeite man mit sozialen Einrichtungen und auch dem Land zusammen. Er wolle nicht als Weltverbesserer auftreten, betont der frischgebackene Ruheständler, es gehe ihm darum, einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten.

Gelebte Nachhaltigkeit

Das tut das Unternehmen auch in Sachen Nachhaltigkeit. „Es genügt nicht ein E-Auto zu kaufen“, deshalb wird in Klima- und Umweltschutz investiert, etwa in die Energieversorgung für die Firmengebäude mit Photovoltaik oder Biogas. Das Engagement in Gemeinwohl lässt sich das Unternehmen rund zwei Millionen Euro kosten, „denn es gibt auch andere Sachen als Gewinne und Zahlen“, die im Unternehmen, das er seit heute nicht mehr führt, aber auch stimmen. Die Eigenkapitalquote beträgt 60 Prozent, außerdem komme das Engagement wieder der Firma zugute, zum Beispiel durch gute und engagierte Mitarbeiter, „welchen die Sinnhaftigkeit ihrer Beschäftigung immer wichtiger wird.“ Er selbst will in seiner nun freien Zeit besonders die Familie in den Vordergrund stellen. Und natürlich den Fußball. Als Vizepräsident des Bundesligisten SCR Altach hat er noch einiges vor. VN-sca

Gunz Warenhandels gmbH

Geschäftsführung Michael Temel, Stefan Gunz, Simone Gunz

Mitarbeiter rd. 190

Umsatz 2019 150 Millionen Euro

Export 95 % (über 100 Länder)

Standorte Mäder, Magdeburg, Chur, Minsk,( Weißrussland)

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