Hannes Androsch

Kommentar

Hannes Androsch

Silberstreif am Horizont

Markt / 30.12.2022 • 22:15 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Trotz aller Krisen geht dieses Jahr nicht zuletzt aufgrund unserer unerwartet hohen Widerstands- und Anpassungsfähigkeit besser zu Ende, als wir erwarten durften. Zwar braucht es zur Bewältigung der aktuellen Konflikte und Umbrüche sowie ihrer Folgen wohl noch längere Zeit, und gilt es zuvor auch noch den Winter ohne Kälte und Dunkelheit zu überstehen, wobei vor allem die hohen Energiepreise eine große Belastung für die Bevölkerung wie auch die Wirtschaft darstellen.

Daneben aber gibt es auch Gründe für vorsichtigen Optimismus. So besteht Hoffnung auf einen Waffenstillstand in der Ukraine ab dem Frühjahr und insgesamt auch auf eine leichte geopolitische Entspannung. Der Wiederaufbau der Ukraine wird ein gigantisches Wiederaufbauprogramm mit entsprechenden Impulsen für die Wirtschaft auslösen. Die Inflation dürfte (wenn auch nicht auf das frühere Niveau) zurückgehen und weitere Zinsschritte der Notenbanken unnötig machen. Zudem wird sich unsere Erpressbarkeit bei der Energieversorgung verringern, allerdings bei insgesamt höheren Energiepreisen als bisher. Vor allem aber sollte sich Chinas Wirtschaft nach Lockerung seiner Zero-Covid-Politik erholen, wodurch Lieferketten wieder geschlossen werden.

Als Folge wird sich nach all den monetären Blutkonserven bzw. Unsummen von Helikoptergeld die Wirtschafts- und Finanzpolitik wieder auf die Zukunft ausrichten und den überfälligen Strukturwandel anpacken müssen. Also wieder mehr „schöpferische Zerstörung“ und weniger „zerstörende Erstarrung“, oder anders formuliert: „So viel Staat wie nötig und so viel Markt wie möglich“, denn niemand kann die ökonomischen Gravitationsgesetze außer Kraft setzen. Diese anzuerkennen ist auch notwendig, um unsere soziale Sicherheit zu erhalten und unter Abkehr vom Gießkannenprinzip treffsicherer zu machen. In Angriff genommen werden müssen zudem die trotz Rekordsteuerbelastung und Vernachlässigung wichtiger Zukunftsaufgaben wie Bildung, Wissenschaft und Forschung aus dem Ruder gelaufenen Staatsfinanzen. Vor allem aber wird ohne massive Förderung der Zukunftstechnologien die notwendige, bisher aber nicht zustande gebrachte Energiewende nicht gelingen. Und schließlich gilt es, die kontinuierliche Standortverschlechterung zu überwinden.

Was es nun braucht, sind konsistente Konzeptionen ebenso wie politische Kraft und Entschlossenheit zur Umsetzung. Den von Sönke Neitzel diagnostizierten „Utopieüberschuss bei gleichzeitigem Wirkungsdefizit“ können wir uns nicht mehr leisten, und schon Churchill betonte: „Never let a good crisis go to waste“. Also Schluss mit Selbstmitleid und hysterischer Angstmacherei, dafür mehr konstruktiver Pragmatismus und entschlossenes Zupacken jedes einzelnen und aller gemeinsam.

Hannes Androsch

markt@vn.at

Dr. Hannes Androsch ist Finanz­minister i. R. und Unternehmer.

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