Börsentipp: Angst ist ein schlechter Berater

Ralph Braun (Volksbank Vorarlberg) zur Entwicklung an den Märkten aufgrund des Iran-Konfliktes.
Dornbirn Die geopolitische Eskalation im Nahen Osten hat die bisherigen Gewissheiten an den Märkten ins Wanken gebracht. Mit den koordinierten US- und israelischen Angriffen auf den Iran sowie dem Tod des obersten Religionsführers Ali Chamenei hat US-Präsident Donald Trump ein politisches Erdbeben ausgelöst. Während Teile der Wall Street zunächst versuchten, die Militärschläge als begrenzten “chirurgischen Eingriff” einzuordnen, sprechen die Begleitumstände – darunter die zeitweise Blockade der Straße von Hormus und wachsende regionale Spannungen – für eine deutlich komplexere Lage. Vor allem fehlt eine klar erkennbare Exit-Strategie Washingtons. Ob Eindämmung des iranischen Atomprogramms, Schwächung der Revolutionsgarden oder gar ein indirekter Regimewechsel: Die strategischen Ziele bleiben diffus – und genau das verunsichert die Märkte.
Der Ölpreis (Brent) sprang um mehr als zehn Prozent auf über 80 US-Dollar. Energie- und Rüstungswerte legten zu, während zyklische Branchen wie Airlines und Tourismus unter Druck gerieten. Auch Staatsanleihen gaben nach, da steigende Energiepreise neue Inflationssorgen schüren und die Renditen nach oben treiben. Zwar gilt historisch, dass geopolitische Börsenturbulenzen oft nur von kurzer Dauer sind: Viele Krisen führten zu heftigen, aber temporären Rücksetzern, bevor sich die Märkte wieder stabilisierten. Doch ohne klare politische Perspektive kann aus einem Sprint ein Marathon werden.
Fazit: Disziplin schlägt Drama. Kurzfristige Volatilität gehört zum Marktgeschehen. Wer in Panik verkauft, riskiert, eine historisch häufig folgende Erholung zu verpassen. Gleichzeitig ist Wachsamkeit geboten – insbesondere mit Blick auf Inflation, Energiepreise und die politische Strategie der USA. In einem Umfeld ohne ein nachvollziehbares Ausstiegsszenario bleiben die Schwankungen hoch, doch langfristig entscheiden weiterhin Fundamentaldaten über den Anlageerfolg. Investoren sollten den Blick daher weniger auf das Weiße Haus und stärker auf die Quartalsberichte richten. Politische Stürme ziehen vorüber – starke Geschäftsmodelle bleiben.
Ralph Braun, ralph.braun@vvb.at, Private Banking Vorarlberg Volksbank Vorarlberg