“Die Angst ist größer als die tatsächliche Bedrohung”

Markt / 20.03.2026 • 11:04 Uhr
"Die Angst ist größer als die tatsächliche Bedrohung"

Die VN fragen den angewandten Verhaltensökonomen Gerhard Fehr: Drei Fragen, drei Antworten dazu, warum uns ein Krieg am Golf mehr verunsichert, als er sollte, und wie wir damit umgehen.

Warum macht uns ein Krieg, der so weit weg ist, trotzdem Angst?

Weil unser Gehirn nicht zwischen nah und fern unterscheidet. Bilder von Raketen und Explosionen aktivieren dieselben Angstmechanismen wie eine Bedrohung vor der Haustür. Das ist ein uraltes Programm – es hat uns als Spezies geschützt, aber in einer medial vernetzten Welt führt es uns in die Irre. Was wir ständig sehen, halten wir für wahrscheinlicher, als es ist. Die Folge: Wir überschätzen das Risiko für uns persönlich – und unterschätzen unsere eigene Stabilität. Der Krieg ist real und ernst. Aber die Angst, die er in Vorarlberg auslöst, ist größer als die tatsächliche Bedrohung.

Schadet uns die Angst vor dem Krieg mehr als der Krieg selbst?

Ja – und das ist der entscheidende Punkt. Wenn Menschen gleichzeitig vorsichtiger werden, entsteht ein kollektiver Bremseffekt: Konsument:innen halten ihr Geld zurück, Unternehmer:innen verschieben Investitionen, die Stimmung kippt. Diese kollektive Zurückhaltung kann eine Wirtschaft stärker bremsen als der eigentliche Konflikt. Studien zeigen: Nicht die Krise selbst richtet den größten Schaden an, sondern die Erwartung der Krise. Es ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung – die Angst vor dem Abschwung erzeugt den Abschwung. Das Paradoxe daran: Jede einzelne Vorsichtsmaßnahme ist für sich sinnvoll. Aber wenn alle gleichzeitig vorsichtig sind, schadet es allen.

Was sollten wir in Vorarlberg jetzt tun – und was auf keinen Fall?

Nüchtern bleiben. Fakten lesen statt Schlagzeilen konsumieren. Und sich bewusst machen: Vorarlberg hat eine starke, diversifizierte Wirtschaft, kurze Entscheidungswege und Unternehmen, die Krisen gewohnt sind. Das sind echte Vorteile. Was wir nicht tun sollten: Panikinvestitionen, hektische Umschichtungen oder Entscheidungen aus dem Bauch. Die beste Strategie in Unsicherheit ist weder Stillstand noch Panik – sondern bewusste Gelassenheit. Wer jetzt vernünftig handelt, statt seinem Bauchgefühl zu folgen, ist den anderen einen Schritt voraus. Das war schon immer die größte Stärke dieses Landes.