Börsentipp: Österreichs Arbeitsmarkt nicht nur vom Iran-Krieg belastet

Markt / 29.05.2026 • 10:14 Uhr
Börsentipp: Österreichs Arbeitsmarkt nicht nur vom Iran-Krieg belastet

Experte Stefan Bruckbauer (UniCredit Bank Austria) über die Herausforderung einer schwachen Beschäftigungsdynamik.

Mit fast vier Millionen Beschäftigten waren in Österreich noch nie so viele Menschen unselbständig beschäftigt wie im Frühjahr dieses Jahres – und dies nach fast vier Jahren Rezession bzw. Stagnation. Damit sind in Österreich fast 400.000 Menschen mehr beschäftigt als vor zehn Jahren. Natürlich ist ein großer Teil des Anstiegs auf Teilzeitbeschäftigte zurückzuführen, aber nicht nur. Denn interessanterweise geht der Anstieg zum wesentlichen Teil auf Personen über 55 Jahre zurück.

Trotz dieser beeindruckenden Entwicklung zeigt der österreichische Arbeitsmarkt zunehmend Zeichen der Schwäche, und diese ist nicht nur auf die aktuell kriegsbedingte Konjunkturabkühlung zurückzuführen. Während die Beschäftigung in Österreich seit Ende der 1990er-Jahre kontinuierlich Zuwächse verzeichnete – nur kurz unterbrochen durch die Finanzkrise und die Pandemie –, stagniert das Beschäftigungsniveau nun schon seit drei Jahren und die Zahl der Industriebeschäftigten geht seit 2023 sogar kontinuierlich zurück, inzwischen um fast dreißigtausend seit dem Höchststand Anfang 2023. Hier sind die Metall- und die Kfz-Industrie besonders betroffen, aber auch der Maschinenbau.

Lange Zeit wurde die Abschwächung der Beschäftigungsdynamik mit demografischen Faktoren erklärt, weshalb man mit nur geringen Auswirkungen auf die Arbeitslosigkeit rechnete. Dies galt in den letzten dreieinhalb Jahren nicht mehr, stieg doch die Zahl der Arbeitslosen in Österreich seit Ende 2022 um ein Viertel bzw. um fast 70.000 an. Die trotz steigender Arbeitslosigkeit noch stabile Beschäftigungsentwicklung wird durch den Dienstleistungssektor getragen, denn dort sind heute rund 75.000 Menschen mehr beschäftigt als noch vor drei Jahren – im Wesentlichen dank des öffentlichen Sektors in den Bereichen Verwaltung, Erziehung und (vor allem) Gesundheit.

Natürlich stellt diese Entwicklung eine große Belastung für die Staatsfinanzen dar. Zum einen fehlen Beiträge der privat Beschäftigten, zum anderen kosten die öffentlich Beschäftigten Geld. Auch wenn die starke Nachfrage nach öffentlicher Beschäftigung das Ergebnis der demografischen und anderer gesellschaftlicher Entwicklungen ist: Bei sinkender privater Beschäftigung wird dies zunehmend zu einer Herausforderung, die auch bei Überwindung der aktuellen Konjunkturdelle nur wenig kleiner werden wird.

War der demografisch bedingte Arbeitskräftemangel vor drei Jahren noch ein großes Thema – damals klagte mehr als ein Drittel der Dienstleistungsunternehmen in Österreich über Arbeitskräftemangel –, so sind wir plötzlich mit steigender Arbeitslosigkeit konfrontiert. Die Zahl der offenen Stellen hat sich seit dem Sommer 2022 fast halbiert. Auch wenn wir für nächstes Jahr wieder mit leicht sinkenden Arbeitslosenzahlen rechnen, so gilt doch: Die Herausforderungen des Strukturwandels mit einer schwachen Beschäftigungsdynamik werden uns, bei weiterhin schleppendem Produktivitätswachstum, erhalten bleiben.