Börsentipp: Der neue Megatrend?

Börsenexperte Linus Bösch (Volksbank) über die aktuelle Euphorie im KI-Sektor.
Dornbirn Die Zahlen der vergangenen Wochen lesen sich wie ein Krimi: Micron Technology knackt die Billionen-Dollar-Marke, Samsung Electro-Mechanics springt in einer Woche um ca. 50 Prozent nach oben, Dell und Lenovo legen binnen kürzester Zeit massiv zu. Der KI-Boom hat den Halbleitersektor in einen Rausch versetzt. Doch wie lange trägt diese Euphorie?
Anfang Juni kam die Ernüchterung. Der Nasdaq 100 verlor zeitweise über sieben Prozent – Nvidia, TSMC und AMD gerieten unter Druck. Auslöser war mitunter ein starker US-Arbeitsmarktbericht: 172.000 neue Stellen, fast doppelt so viel wie erwartet. Die Schlussfolgerung der Märkte war eindeutig: Zinssenkungen rücken in weite Ferne, und das trifft erfahrungsgemäß Tech-Wachstumstitel härter als andere Sektoren.
Wer jetzt reflexartig verkauft, sollte innehalten. Denn die strukturelle Geschichte bleibt intakt: Rechenzentren rüsten weltweit massiv auf, KI-Modelle werden rechenintensiver, und Pläne für neue Börsengänge laufen bereits auf Hochtouren. Trotzdem warnen Experten: Das KGV des MSCI World liegt über 22 – ein Niveau, das zuletzt zur Dotcom-Zeit erreicht wurde.
Der Vergleich mit dem Jahr 2000 ist verführerisch, aber greift zu kurz. Die Unternehmen von heute erwirtschaften echtes Geld. Nvidia, TSMC oder Micron sind hochprofitable Konzerne – keine leeren Versprechen. Wer die Rallye pauschal als Blase abtut, übersieht die Substanz dahinter.
Das Fazit daraus: Differenzierung ist alles. Nicht jede KI-Aktie verdient ihr aktuelles Bewertungsniveau – und nicht jeder Rücksetzer ist der Beginn einer umfassenden Neubewertung. Die nächste Berichtssaison wird zur Bewährungsprobe. Die KI-Wette bleibt strukturell attraktiv – die Frage ist nur, zu welchem Preis man einsteigt.
Linus Bösch, linus.boesch@vvb.at, Private Banking Volksbank Vorarlberg