Wie kann ein alternder Kontinent seine hohen Ansprüche finanzieren?

Markt / 17.07.2026 • 09:00 Uhr
Wie kann ein alternder Kontinent seine hohen Ansprüche finanzieren?
Vermögensberater Martin Walser.Alexandra Serra

Vermögensberater Martin Walser über die schwindende Wettbewerbsfähigkeit Europas.

Wie steht es wirklich um die Wettbewerbsfähigkeit Europas (und Österreichs) im internationalen Vergleich – und warum fallen wir in zentralen Zukunftsbereichen zurück?

Die großen europäischen Volkswirtschaften haben in vielen dynamischen Zukunftsbereichen an relativer Wettbewerbsfähigkeit verloren: China führt bei globalen Patentanmeldungen, Europa fällt zurück. Technisch-naturwissenschaftliche Absolventen stellen in China 40 Prozent aller Hochschulabschlüsse, in Europa nur rund 20 Prozent. Während die USA bei Unternehmensgründungen weltweit führend sind und ihre Position in Wettbewerbsfähigkeitsrankings halten, liegt Europa bei erfolgreichen Gründungen weit hinten und stagniert bei der Wettbewerbsfähigkeit. Die Gründe liegen vor allem in einer schwächeren Fähigkeit, neue Technologien schnell und in großem Maßstab zu kommerzialisieren, sowie in einer seit Jahrzehnten geringeren Produktivitätssteigerung. Hinzu kommen ein fragmentierter Binnenmarkt, höhere Energiekosten und eine überschießende Regulierung. Europa verliert damit vor allem dort, wo Geschwindigkeit und Skalierung entscheidend sind.

Warum bedroht diese Entwicklung langfristig nicht nur das Wirtschaftswachstum Europas, sondern auch unseren Wohlstand und die Finanzierbarkeit unserer Sozialsysteme?

Diese Entwicklung ist weniger ein vorübergehendes Konjunkturproblem als Ausdruck struktureller Herausforderungen. Europa verfügt zwar über zahlreiche Weltmarktführer in Industrien. Gleichzeitig verliert der Kontinent jedoch in vielen Zukunftsfeldern wie Digitalisierung, künstlicher Intelligenz und Robotik an Boden. Hinzu kommt, dass auch einige Schlüsselindustrien unter Druck geraten. Umfassende Sozialsysteme und Transferleistungen lassen sich aber auf Dauer nur finanzieren, wenn die Wirtschaft durch ausreichendes Produktivitätswachstum genügend Wertschöpfung erzeugt. Gelingt dies nicht mehr, entsteht ein Widerspruch: Die Ansprüche an den Staat (Pensionen, Infrastruktur, soziale Leistungen) bleiben hoch oder steigen, während die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zurückbleibt. Entweder steigen die Schulden weiter, die Steuer- und Abgabenlast nimmt zu, oder staatliche Leistungen müssen angepasst werden. Wie kann also ein alternder Kontinent seine hohen Ansprüche finanzieren, wenn seine wirtschaftliche Dynamik nachlässt?

Was bedeutet das für Menschen in Europa – und warum wird die eigene Geldanlage für viele zur wichtigsten Möglichkeit, am Wachstum teilzuhaben?

Für viele gut ausgebildete Menschen ist es vorstellbar, das “Ländle”, aber auch Europa zu verlassen, um in wachstumsstärkeren Regionen ihre berufliche Zukunft zu finden. Wer sein Humankapital weiter in Europa einsetzen möchte, sollte sein Finanzkapital bewusst global ausrichten. Einerseits bieten Staatsanleihen europäischer Emittenten in einem Umfeld strukturell steigender Verschuldung nicht mehr die Kombination aus Sicherheit und Rendite, die Anleger über Jahrzehnte gewohnt waren. Andererseits gilt es, bei Aktien den “Home Bias” österreichischer Anleger zu vermeiden und gezielt in den dynamischsten Wachstumsregionen zu investieren. Die eigene Geldanlage wird damit zum entscheidenden Hebel, auch bei einem beruflichen Lebensmittelpunkt in Europa am globalen Wachstum teilzuhaben.