“Viele großartige Ideen scheitern am Startkapital”

Unternehmerin Verena Eugster über Gründerzahlen und fehlende Rahmenbedingungen.
Warum gründen trotz unsicherer Zeiten so viele Menschen ein Unternehmen?
Gerade das beeindruckt mich. Trotz wirtschaftlicher Unsicherheit haben sich allein im ersten Halbjahr mehr als 21.700 Menschen in Österreich für die Selbstständigkeit entschieden. Das zeigt: Der Wunsch, etwas Eigenes aufzubauen, ist größer als die Angst vor dem Risiko. Menschen wollen ihre Ideen verwirklichen, Verantwortung übernehmen und ihre Zukunft selbst gestalten. Besonders freut mich, dass immer mehr junge Menschen diesen Weg gehen. Unternehmertum ist für viele keine Notlösung, sondern eine bewusste Entscheidung. Jede Gründung beginnt mit einer Idee – und kann Innovation, Arbeitsplätze und Wertschöpfung schaffen. Deshalb sollten wir Menschen, die diesen Mut aufbringen, nicht ausbremsen, sondern bestmöglich unterstützen. Denn sie gestalten die Wirtschaft von morgen.
Was muss passieren, damit Gründen in Österreich einfacher wird?
Ich wünsche mir, dass wir Gründungen endlich konsequent aus der Perspektive der Gründerinnen und Gründer denken. Vor Kurzem hat sich eine ehemalige Mitarbeiterin von mir selbstständig gemacht. Ich wollte sie unterstützen und musste dabei feststellen, wie kompliziert der Weg in die Selbstständigkeit ist. In dieser Gründungsphase reiht sich ein Behördengang an den nächsten. Formulare, Auflagen und Zuständigkeiten scheinen kein Ende zu nehmen. Dabei sollte der größte Kraftakt nicht die Bürokratie sein, sondern der Aufbau eines Unternehmens. Ein durchgängiger digitaler Gründungsprozess wäre ein wichtiger erster Schritt. Weniger Behördengänge, klarere Abläufe und schnellere Verfahren würden Gründerinnen und Gründer enorm entlasten. Genauso entscheidend ist der Zugang zu Finanzierung. Ich bin überzeugt: Viele großartige Ideen scheitern nicht an mangelnder Leidenschaft oder fehlendem Potenzial, sondern daran, dass das notwendige Startkapital fehlt. Und wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen. Wer den Mut hat, Verantwortung zu übernehmen, Arbeitsplätze zu schaffen und Risiken einzugehen, sollte sich auf faire und planbare Spielregeln verlassen können. Die nächste Unternehmergeneration gründet anders als früher: digitaler, flexibler und oft Schritt für Schritt neben einem bestehenden Job. Genau deshalb müssen sich auch unsere Strukturen weiterentwickeln. Wenn wir in Österreich mehr Unternehmertum wollen, dann dürfen wir nicht nur darüber sprechen. Wir müssen es den Menschen endlich einfacher machen, Unternehmerin oder Unternehmer zu werden.
Sie haben selbst gegründet. Welche Tipps würden Sie Menschen mitgeben, die mit dem Gedanken spielen, ein Unternehmen zu gründen?
Mein wichtigster Rat ist: Suche dir die richtigen Menschen an deine Seite. Wenn du mit jemandem gemeinsam gründen möchtest, dann geh einmal gemeinsam auf einen Berg. Dort lernst du die andere Person oft besser kennen als in vielen Meetings, weil Werte, Verlässlichkeit und der Umgang mit Herausforderungen sichtbar werden. Zweitens braucht es neben Mut vor allem Disziplin und Durchhaltevermögen. Eine gute Idee ist der Anfang, erfolgreich wird sie erst durch konsequente Umsetzung. Und drittens: Nutze Netzwerke. Gerade Organisationen wie die Junge Wirtschaft bieten die Möglichkeit, von den Erfahrungen anderer Unternehmerinnen und Unternehmer zu lernen, Kontakte zu knüpfen und sich gegenseitig zu unterstützen. Wer die richtigen Menschen um sich hat, an seine Idee glaubt und bereit ist, dranzubleiben, schafft die besten Voraussetzungen, um unternehmerisch durchzustarten.