Günstiger Strom und Unabhängigkeit? Dann müssen wir auch bauen!

Alle wollen günstigen Strom. Aber Windräder, Kraftwerke, Speicher und Stromleitungen bitte nicht vor der eigenen Haustür. Dieses Florianiprinzip wird nicht funktionieren. Auch bei Energie gilt eine einfache wirtschaftliche Logik: Ist ein knappes Gut stark nachgefragt, steigt der Preis. Wer Energie langfristig leistbarer machen will, muss deshalb über mehr Erzeugung, leistungsfähige Netze, Speicher und Flexibilität sprechen. Nicht nur über kurzfristige Förderungen und Preisbremsen.
Unser Energiesystem verändert sich grundlegend. Günstige Energie aus Russland steht nicht mehr wie früher zur Verfügung. Gleichzeitig steigt der Strombedarf durch Industrie, Mobilität, Wärme und Rechenzentren. Erneuerbare Energie wird deshalb massiv ausgebaut werden müssen. Und selbst in einem weitgehend erneuerbaren System wird es einen Mix brauchen. Gas wird zumindest in der Übergangsphase eine Rolle spielen. Andere europäische Länder setzen zusätzlich auf Kernenergie. Entscheidend ist aber: Strom, der irgendwo erzeugt wird, muss auch dorthin kommen, wo er gebraucht wird. Deshalb sind die Netze das Rückgrat der Energiewende. Die E-Control und die Netzbetreiber weisen selbst darauf hin, dass mehr erneuerbare Erzeugung ohne Netzausbau, Speicher und Flexibilität nicht ausreichend integriert werden kann. All das kostet Milliarden.
Aber diese Milliarden sind keine Kosten. Sie bedeuten Investitionen, Wertschöpfung, Innovation, Arbeitsplätze und somit Wohlstand – möglichst in Österreich und Europa. Natürlich verstehe ich jeden, der sagt: Eine neue Leitung, Erzeugung vor meinem Haus? Nein danke. Nur müssen wir dann ehrlich sein. Infrastruktur lässt sich nicht bauen, wenn jeder dafür ist – solange sie beim Nachbarn steht. Bei Eisenbahnen kennt Österreich deshalb sogar das Instrument der Enteignung als letztes Mittel. Das ist ein massiver Eingriff in Eigentumsrechte und darf nur unter klaren gesetzlichen Voraussetzungen und gegen Entschädigung erfolgen. Aber die grundsätzliche Frage muss erlaubt sein: Welche Instrumente braucht ein Land, wenn Infrastruktur von übergeordnetem öffentlichem Interesse über Jahre blockiert wird? Kurzfristig hohe Energiepreise mit Steuergeld zu kompensieren, löst das strukturelle Problem nicht. Entscheidend sind mehr Angebot, bessere Netze, Speicher, Flexibilität und schnellere Verfahren. Wir können nicht gleichzeitig billigen Strom verlangen, jede Investition verhindern und uns dann über hohe Preise wundern. Irgendwann müssen wir uns entscheiden: bauen – oder bezahlen.