“Nur im Austausch der Argumente lassen sich Probleme überwinden”

Verhaltensökonom und Bestsellerautor Matthias Sutter über Benachteiligung, Wir-Gefühl und die Macht des offenen Austausches.
Österreich hat sich mit der “Sozialpartnerschaft” zu einem der lebenswertesten Länder der Welt entwickelt: Jetzt fühlt sich eine Mehrheit der Österreicher benachteiligt. Weshalb?
Das Gefühl des Benachteiligtseins kommt vor allem bei Menschen vor, die das Leben als Nullsummenspiel betrachten. Damit ist die Vorstellung gemeint, dass der Gewinn einer Person automatisch den Verlust einer anderen Person bedeutet, sodass die Summe aller Gewinne und Verluste null ergibt. Dabei wird übersehen, dass durch Zusammenarbeit oder neue Ideen alle Beteiligten profitieren können, sodass insgesamt mehr für alle entsteht.
Was braucht es, damit die Menschen zu einem Wir-Gefühl zurückfinden, das ja nachweislich für die Allgemeinheit, für alle, besser ist?
Dafür gibt es kein einfaches und allgemeingültiges Rezept. Leider rufen ja häufig schlechte Zeiten und kollektive Leiderfahrungen ein Wir-Gefühl hervor, um wieder etwas aufzubauen, wie etwa nach dem 2. Weltkrieg. Wenn alle gesättigt sind, fällt das schwerer, weil man immer jemanden findet, dem es besser geht, gegenüber dem man sich zurückgesetzt und diskriminiert fühlt.
Was kann man Lug und Trug entgegensetzen, was würden Sie vorschlagen?
Wir brauchen wieder mehr Selbstbewusstsein, dass man auch einmal kontroverse Diskussionen führen kann und keine Sprech- und Denkverbote im Raum stehen. Denn mit einer Einschränkung dessen, was gesellschaftlich noch gesagt werden darf, lösen wir kein einziges Problem. Nur im Austausch der Argumente lassen sich Probleme – und auch Lug und Trug – überwinden, auch wenn das mühsam ist. Aber leider siegt ja häufig politische Korrektheit über einen offenen Austausch von Argumenten.