Der Öffi-Fehler, der keiner sein darf
In der Politik hat man es schwer. Da findet man den heiligen Gral, und das Volk lässt die gebührende Dankbarkeit vermissen. Stattdessen: Kritik von allen Seiten, Fragen über Fragen. Warum zum Geier verstehen die Bürgerinnen und Bürger die Genialität des Vorhabens nicht? Der neuen Öffi-Tarife zum Beispiel? Da krempelt man ein komplettes System um, aber statt Applaus erntet man ungläubiges Kopfschütteln und muss sich den Vorwurf gefallen lassen, etwas verbockt zu haben. Man argumentiert, informiert, kommuniziert nach allen Kräften. Doch die Kritik wird nicht leiser. Was soll man nur machen?
Man könnte zum Beispiel zugeben, dass einem da vielleicht ein kleiner Fehler passiert ist.
Dass nicht nachvollziehbar ist, weshalb plötzlich für kurze Fahrten 20 Euro bezahlt werden müssen. Dass die Zeitkomponente für jemanden, der einmal an den See fährt und wieder retour, keine große Rolle spielt – das Argument, „er kann so oft hin und her fahren, wie er möchte“, an der Realität vorbei geht. Dass Nutzerfreundlichkeit und Verständlichkeit vielleicht doch an erster Stelle stehen sollten – und das nicht gegeben ist, wenn selbst Busfahrer mit dem Tarifsystem überfordert sind. Vielleicht hat die Politik hier einfach etwas verbockt. Sie kann es nur nicht zugeben.
Das ist kein Alleinstellungsmerkmal der schwarz-blauen Landesregierung. Dahinter steckt ein politischer Grundmechanismus. Verantwortliche wollen negative Folgen möglichst vermeiden oder anderen zuschreiben. Aus einem misslungenen Projekt wird eine Kommunikationslücke, aus berechtigter Kritik ein Härtefall und aus einem Fehler eine „notwendige Nachschärfung“. Nicht die Reform ist schlecht, sie wird nur schlecht verkauft.
Parteien treiben dieses Argumentationsmuster auf die Spitze, wenn sie Wahlniederlagen erklären müssen. Es liegt nie am Personal, nie am Inhalt. Immer an der Kommunikation. Man muss es den Menschen nur besser erklären.
Wenn es sonst im Leben auch so einfach wäre.
Natürlich ist es für Politiker riskant, wenn sie Fehler eingestehen. Nicht nur die Entscheidung wird infrage gestellt, sondern mit ihr die eigene Kompetenz. Würde Christof Bitschi sagen: „Okay, wir haben uns geirrt“, könnte beim Publikum ankommen: „Er weiß nicht, was er tut.“
Diese Befürchtung ist jedoch unbegründet. Eine aktuelle Studie aus den USA kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis: In vier Experimenten mit insgesamt 736 Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurden Politiker, die öffentlich zugaben, zuvor falsch gelegen zu haben, als kompetenter, sympathischer und unterstützenswerter bewertet als jene, die ihren Irrtum nicht eingestanden.
Die Angst ist also größer als das Risiko. Fehler eingestehen ist sexy.
Kleiner Sidestep, bevor an dieser Stelle jemand schreit: Das gilt freilich auch für den Journalismus. Auch in unserer Branche ist die Fehlerkultur mancherorts ausbaufähig. Studien zeigen, dass Menschen auch jenen Medien stärker vertrauen, die mit Fehlern transparent umgehen. Und um Vertrauen müssen wir Medien bekanntlich immer werben – wie die Politik.
Statt Fehlerkultur flieht sie allerdings gerne in die Statistik. Im Fall der Tarifreform wird darauf verwiesen, dass 85 Prozent der Fahrten gleich teuer oder günstiger geworden seien und nur 0,9 Prozent deutlich teurer. Das mag stimmen – beantwortet aber nicht die Frage, wie verständlich und alltagstauglich ein Tarifsystem ist.
Statistik bedeutet Durchschnitt und Mittelwert. Aber was bringt mir das statistisch, wenn ein Fahrkartenautomat wie ein Betriebssystem daherkommt, das ich nicht kenne? Als würde ich nach 20 Jahren Windows-Nutzung von einem Tag auf den anderen auf Apple umsteigen – und plötzlich wäre die rechte Maustaste verschwunden. Der Einzelfall macht die Musik. Die Statistik fährt im günstigeren Tarif. Der Fahrgast steht trotzdem am falschen Automaten.
Im Herbst startet ein Dialog, ein „Mitmach-Prozess“ samt Evaluation des Tarifsystems. Aus „Wir haben einen Fehler gemacht und werden ihn korrigieren“ wird:
„Mit der Einbindung der relevanten Stakeholder und der Rückmeldungen aus dem Forum hinsichtlich wahrgenommener Nutzungsbarrieren soll die systematische Auswertung und Überprüfung der Nachfrage- und Nutzungsentwicklung etwaige Verbesserungspotenziale aufzeigen, um im Bedarfsfall nachzuschärfen.“
Sprache versteckt Fehlerkultur. So wird aus einem möglichen Systemfehler eine Serie von Nachbesserungen. Hier ein neuer Hinweis am Automaten, dort eine angepasste Lokalzone, da eine bessere Erklärung, dann eine Evaluierung, „um im Bedarfsfall nachzuschärfen“.
Das kann bei einer grundsätzlich gelungenen Reform vernünftig sein. Es kann aber auch bedeuten, dass ein problematisches Modell so lange repariert wird, bis niemand mehr von einem Fehler sprechen muss. In der Politik gibt es schließlich keine Irrtümer – nur „Optimierungsbedarf“, „kommunikative Herausforderungen“ und „notwendige Nachschärfungen im Bedarfsfall“.
Das ist ungefähr so, als würde man nach einem misslungenen Kuchen erklären, das Rezept sei eigentlich perfekt – nur der Teig habe sich noch nicht ausreichend an die Backform angepasst.
Ich wünsche Ihnen ein Wochenende voller Kuchen und entschuldige mich für einen Fehler: Ich habe vergessen, mich abzumelden. Nun, da der Urlaub vorbei ist, lesen wir uns wieder – was mich sehr freut. Vielleicht sehen wir uns ja im Zug. Als Jahreskartenbesitzer bin ich vom Tarifwahnsinn zum Glück unberührt.
Herzlichst
Michael Prock
Leiter VN-Politikredaktion
Dieser Text erschien im wöchentlichen Politik-Newsletter von VN-Politikchef Michael Prock. Sie können das “VOL.at Hinterzimmer” und weitere Newsletter hier abonnieren: www.vol.at/newsletter
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