Eine Pointe nach der anderen

Menschen / 20.11.2019 • 11:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Schneemann Olaf ist in der Fortsetzung von "Frozen" wieder da - und mit ihm sein Synchronsprecher, Komiker Hape Kerkeling. TWDC/Kurt Krieger
Schneemann Olaf ist in der Fortsetzung von „Frozen“ wieder da – und mit ihm sein Synchronsprecher, Komiker Hape Kerkeling. TWDC/Kurt Krieger

VN-Interview. Hape Kerkeling (54), Komiker, Autor, Moderator, Schauspieler, Sänger und Synchronsprecher.

Berlin Wie heißt der weltweit erfolgreichste Animations-Film aus dem Hause Disney? „Der König der Löwen“? „Die Schöne und das Biest“? „Das Dschungelbuch“? Nein, daneben geraten! Richtige Antwort: Es war, große Überraschung, „Die Eiskönigin – Völlig unverfroren“ aus dem Jahr 2013. Jetzt ist endlich die Fortsetzung da. Wieder spricht Hape Kerkeling in der deutschen Fassung den originellen Schneemann Olaf.

Sie haben Ende 2014 Ihren weitgehenden Rückzug aus dem Showbusiness angekündigt.

Ich habe mich von der großen Show verabschiedet.

Jetzt sind Sie in „Eiskönigin 2“ abermals die deutsche Stimme des Schneemannes Olaf, der die Schwestern Elsa und Anna auf einer abenteuerlichen Reise durch den geheimnisvollen Wald begleitet. Das fällt natürlich nicht in die Welt der großen TV-Show. Was hat Sie bewogen, sich ein zweites Mal auf Olaf einzulassen?

Die alte Geschichte. Wenn man von Disney ein Angebot bekommt, so ist das wie ein Ritterschlag. Da sagt man schnell zu und bereut es nie. Außerdem kann man damit aus der üblichen Arbeitsroutine ausbrechen, man schnuppert ein bisschen Showbusiness-Luft. Ja, und Olaf ist natürlich auch eine dankbare Rolle. Er ist klug und haut eine Pointe nach der anderen raus.

Was finden Sie am Synchronisieren gut und was weniger gut?

Angenehm ist, dass man dabei allein im Studio ist, im Dunkeln. Beim normalen Film ist man hell ausgeleuchtet und es stehen 50 Leute um einen herum, wenn man vor der Kamera intime Momente kreieren soll. Störend ist beim Synchronisieren nur eines: dieses Eins-zwei-drei-piep-Signal, der unangenehme Countdown. Und wenn’s vom Englischen ins Deutsche geht, ist das nicht so einfach, weil das Englische deutlich prägnanter ist. Auf Deutsch braucht man immer drei bis fünf Silben mehr, um die Situationen richtig darzustellen.

Mögen Sie die Figur des Olaf besonders?

Er ist für mich sogar ein Idol. Ich wäre gerne so liebenswürdig und naiv wie er, hätte gerne seine Weisheit.

Wie viel Olaf, würden Sie sagen, steckt in Hape Kerkeling?

Ich identifiziere mich mit seiner deutlichen Aussage: Finde deine Bestimmung und geh deinen Weg. Ganz egal, wie du dich fühlst. Hauptsache ist, du machst immer den nächsten Schritt.

2020 wird man Sie wieder in einer „echten“ Rolle in den Kinos sehen, in Joseph Vilsmaiers „Der Boandlkramer und die ewige Liebe“. Mit Bully Herbig als Partner. Er ist der Boandlkramer, identisch mit dem Tod, Sie verkörpern den Teufel. Der Boandlkramer verliebt sich unsterblich in die fesche Gefi, aber für den Tod ist es nicht einfach, das Herz eines Mädchens zu gewinnen. Da bietet sich der „Teifi“ als Helfer an. Unter der Bedingung, dass der Tod sein Handwerk ruhen lässt. Was natürlich ins Chaos führt. Ein Projekt, für das man Sie sicher nicht auf umständliche Weise verführen musste?

Nein, ein Heidenspaß. Ich habe mich so schnell entschieden wie bei Disney, keine zwei Sekunden überlegt und Vilsmaier spontan eine Handy-Nachricht geschickt: „Joseph, ich bin dein Teufel!“

Tod und Teufel sind ja echt dankbare Aufgaben, auch jährlich beim „Jedermann“ in Salzburg?

Doch dort würde ich es nicht wagen, anzutreten. Ich bin ja kein Bühnenschauspieler: Aber natürlich ist das Angebot, etwas Fieses zu spielen, prinzipiell immer reizvoll.

Woher haben Sie Ihre Inspirationen als Film-Teufel geschöpft?

Natürlich aus mir selbst. Woher sonst? Ich habe mich sehr bemüht, das bisschen Teufel, das in mir steckt, ordentlich rauszuholen.

Sie haben zahlreiche originelle Showeinlagen geliefert. Unvergessen Ihr Auftritt als Hollands Ex-Königin Beatrix in fantastisch echter Maske bei einem deutschen Staatsempfang. Über wen haben Sie selbst am meisten gelacht?

Über Trevor Noah, einen schwarzen Südafrikaner, der in den USA eine große TV- Show hat. Er schlüpft innerhalb von Sekunden in die unterschiedlichsten Figuren, hat Barack Obama ebenso perfekt drauf wie Donald Trump, er kann sich blitzschnell und ohne Maske in eine Frau oder ein Kind verwandeln. Ich glaube, er hat einen Schweizer Vater und kann daher ganz gut Deutsch. Oder sogar Schwyzerdütsch. Für mich ist Trevor der größte lebende Komiker.

Eben waren Sie bei der großen „GQ“-Gala „Men Of The Year“ in Berlin unter den Ausgezeichneten. Was macht für Sie einen „echten Mann“ aus?

Dass er mutig ist und nicht übermütig. Dass er Humor hat, aber sich nicht lächerlich macht. Dass er Herz hat, ohne seine Tussi ständig vollzuflennen. Dann ist ein Mann ein Mann.

Sie haben bei dieser Veranstaltung auch bittere Worte über die politische Situation in Deutschland gefunden, indem Sie Folgendes sagten: „Es ist keine schöne Zeit, in der wir leben. Die Bundeskanzler werden wollen, können es nicht. Und die es könnten, wollen es nicht. So wenig Kanzler wie heute war noch nie da.“ Hätten Sie das auch Angela Merkel persönlich gesagt?

Wenn ich die Gelegenheit gehabt hätte – vielleicht.

Welche historische Figur würden Sie sich, bezogen auf Ihre Rede, zurückwünschen?

Willy Brandt. Denn es würde mich interessieren, brennend interessieren, was der zu unserer Zeit zu sagen hätte.

Last but not least: In Ihrer Dankesrede haben Sie auch noch Hannah Arendt zitiert, Ihre Lieblingsphilosophin. Und zwar folgendermaßen: „Ich bereite mich auf das Schlimmste vor, ich hoffe das Beste, und ich nehme es, wie es kommt.“ Darf man das als Ihr Lebensmodell betrachten?

Schon. Es ist jedenfalls ein Zitat, das ich sehr mag.

Eine letzte Frage zu unserem täglichen Leben: Können Sie sich noch erinnern, wie das Leben in der Zeit vor dem Handy war?

Die Menschen haben einander noch in die Augen geschaut und ein Lächeln geschenkt. Das ist vorbei. Ludwig Heinrich