„Kein konventioneller Kriegsfilm“

Menschen / 30.01.2020 • 22:24 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Sam Mendes spricht im Interview über die Herausforderungen beim Dreh von „1917“.

Berlin Steven Spielberg lotste das britische Theater-„Wunderkind“ nach Hollywood. Dort fertigte Sam Mendes seinen ersten Kinofilm „American Beauty“ und erhielt dafür im Jahr 2000 die Oscars für den besten Film und die beste Regie. Mit seinem neuesten Werk, dem Weltkrieg-eins-Opus „1917“, schaffte er jüngst bei den Golden Globes abermals die Preise für den besten Film (Drama) und die beste Regie.

„1917“ ist gleichzeitig ein Experiment. Der Film entstand im One-Shot-Verfahren, also ohne erkennbare Schnitte. Der Zuschauer folgt dem Geschehen in Echtzeit. Wie entstand dieses Projekt?

MENDES Nach sieben Kinofilmen, bei denen ich mit den besten Autoren zusammengearbeitet hatte, hatte sich bei mir genug Selbstvertrauen eingestellt, mich einmal auch als Drehbuchautor zu versuchen. Ich spornte mich mit dem Gedanken an: Warum also sitze ich hier herum und warte auf eine gute Story, die ich verfilmen möchte? Warum schreibe ich sie nicht selbst?

Gesagt, getan. Und woher nahmen Sie die Geschichte?

MENDES Die kreiste schon lange in meinem Kopf. Es waren die Erzählungen meines Großvaters Alfred H. Mendes, der von 1916 bis 1918 in der britischen Armee gedient und somit den Ersten Weltkrieg miterlebt hatte.

Was ist Ihnen von seinen Geschichten besonders im Gedächtnis geblieben?

MENDES Vor allem, dass er kein Flunkerer war, der mit seinen Heldentaten prahlte. Er war ein brillanter und charismatischer Erzähler. Ich war vom dünnen Grat zwischen Glück und Unglück, Leben und Tod, wie er das schilderte, fasziniert. Aus vielen seiner Geschichten und Gedankengänge wollte ich mein Drehbuch formen.

Was ist in Ihren Augen daraus geworden?

MENDES „1917“ ist keine Geschichtsstunde und auch kein konventioneller Kriegsfilm. Eher ein Kriegsthriller, der einem dauernd den Atem raubt. Zwei junge Soldaten brechen in geheimer Mission tief ins Feindesland auf, um eine Truppe von britischen Soldaten vor einem Hinterhalt der Nazis zu warnen und damit 1600 Menschenleben zu retten. Das Publikum muss dabei nichts über den Ersten Weltkrieg und seine Hintergründe wisssen, es muss nur, minutiös, dem gefährlichen Einsatz der beiden Filmhelden folgen.

Wie ging es Ihnen beim  Drehbuchschreiben?

MENDES Mein Ehrgeiz war, eine wirklich kühne Version zu entwerfen. Ich war von Beginn an überzeugt, dass ich den Film chronologisch drehen und mit nichts aufpfropfen wollte. Nach monatelangen Recherchen und Schreibversuchen entstand ein Treatment. Ich weiß noch: Nachdem ich mit Seite eins begonnen hatte, stellte ich mir dauernd neue Fragen. Das musste zu Verzögerungen führen, und somit holte ich mir Krysty Wilson-Cairns, die an der von mir produzierten Horrorserie „Penny Dreadful“ mitgeschrieben hatte, als Hilfe. Als das Buch fertig war, haben wir sechs Monate geprobt.

Mit allen Darstellern und Statisten?

MENDES Nein, die Proben fanden vor allem für Kamermann Roger Deakins statt. Denn wir mussten uns ja die Wege, die die beiden Soldaten gehen mussten, und all die Hindernisse, die es dabei für sie gab, genau vorzeichnen und einprägen, da durfte nichts schief gehen.

Wie haben Sie die Statisten vorbereitet?

MENDES Wir haben Bewerber zwischen 16 und 35 rekrutiert, am Ende waren es ungefähr 800. Sie sollten nicht nur ortsmäßg genau instruiert, sondern auch physisch und mental fit sein. Ihr Gesichtsausdruck sollte selbst in Einstellungen von wenigen Stunden stimmen.

In einem bewegenden Moment haben Sie auch eine Begegnung mit einer Frau und ihrem kleinen Kind eingebaut?

MENDES Das war eine Szene, die mir persönlich sehr wichtig war. Denn einen Monat, bevor ich zu schreiben begann, war ich gerade Vater geworden. LH