“Frauen sind bald keine Anhängsel mehr”

Menschen / 04.11.2020 • 21:53 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Vorarlberger Adelsexpertin Lisbeth Bischoff über die Rolle der Frauen in Europas Monarchien.

Dornbirn Adelsexpertin Lisbeth Bischoff (65) widmet sich in ihrem neuen Buch „Frauen für die Krone“ der neuen Generation weiblicher Regentinnen. Auf die Krone gut vorbereitet sind die Prinzessinnen Elisabeth von Belgien, Catharina-Amalia der Niederlande, Ingrid Alexandra von Norwegen, Victoria und Estelle von Schweden sowie Infantin Leonor von Spanien. Im VN-Interview erklärt die Dornbirnerin, warum Royals die Menschen faszinieren und warum Frauen an die Macht gehören.

 

Warum üben Adelige eine derart große Faszination auf Menschen aus?

Bischoff In Zeiten, in denen es in der Welt drunter und drüber geht, flüchten die Menschen gerne in Märchen und genau das verkörpert der Adel. Man interessiert sich dafür, was sich hinter den Palastmauern abspielt. Außerdem sehen die Menschen gerne schöne und glückliche Leute, verfolgen ihre Hochzeiten und bewundern die Hochzeitskleider der Prinzessinnen. Ich denke hier an Schweden. Es ist schön zu sehen, wie eine Prinzessin einen Mann aus dem Volk heiratet und zum Volk sagt: „Ihr habt mir meinen Prinzen geschenkt.“ Das ist schon sehr romantisch.

 

Warum haben Sie sich dazu entschieden, über die Generation der Regentinnen ein Buch zu schreiben?

Bischoff Weil es zum ersten Mal in der Geschichte vorkommt, dass es in naher Zukunft genauso viele Regentinnen geben wird wie Regenten. Nachdem so viele Prinzessinnen geboren wurden, haben die Königshäuser auch das Thronfolgegesetz zugunsten der Frauen geändert. Es wird in Zukunft immerhin fünf europäische Königshäuser mit Königinnen und fünf mit Königen geben.

 

Wie hat sich die Rolle der Frau in den Königshäusern in der Vergangenheit verändert?

Bischoff Sie sind immer noch darauf reduziert, für Nachwuchs zu sorgen und wohltätigen Zwecken nachzugehen. Sie sind gewissermaßen die Anhängsel der Könige. Da hat sich bis heute nicht viel geändert. Das wird sich aber ändern, wenn die Frauen auch an der Macht sind.

 

Was sollte eine Königin in spe mitbringen?

Bischoff Den meisten Regenten ist das Regieren abhanden gekommen, sie haben inzwischen vorwiegend repräsentative Aufgaben. Sie müssen völkerverbindend agieren und für gute Beziehungen sorgen und auch Charity- und Wohltätigkeitsaufgaben wahrnehmen. Ganz nebenbei sind sie auch Stilikonen. Da sie eine große Werbewirksamkeit haben, werden sie auch von Designern eingekleidet. Was mich persönlich sehr wundert ist, dass die meisten Prinzessinnen sehr schlank sind und sich sogar ein paar Stunden nach der Geburt von ihrer besten Seite zeigen. Da wird ein bestimmtes Frauenbild vermittelt, das ich persönlich nicht gut finde.

 

Können Frauen besser regieren als Männer?

Bischoff Ich glaube, Frauen fällt das Regieren leichter, weil sie von Natur aus sehr vorausschauend sind, sehr auf Zusammenhalt bedacht sind, Wärme vermitteln und viel Gefühl haben. Ich denke auch, dass Frauen mit mehr Nachsicht und Milde an die Sache herangehen und weniger strategisch denken.

 

Wie wird eine Prinzessin auf ihre künftige Aufgabe vorbereitet?

Bischoff Der Weg zur Königin oder zum König ist eine harte Schule. Heute werden die Kinder in puncto Sprache, Bildung und Geschichte getrimmt. Die spanische Königin Letizia gilt diesbezüglich als strengste unter den royalen Müttern. Sie lernt mit ihrer ältesten Tochter Leonor Sprachen, nachdem sie von der Schule nach Hause kommt. Aber auch Schwedens Prinzessin Estelle war schon mit zwei Jahren bei Staatsbanketten dabei. Eine englischsprachige Nanny unterrichtete sie, damit sie sich mit den Gästen unterhalten kann. Auch die Wahl der Schule ist genau überlegt. Es ist kein Zufall, dass Schulen ausgesucht werden, die auch von Bürgerlichen besucht werden. Damit soll der Kontakt zum Volk sichergestellt werden.

 

Queen Elizabeth II. ist in ihrem hohen Alter immer noch sehr aktiv. Ihr kann so schnell wohl niemand das Wasser reichen, oder?

Bischoff Eine Person, die sich mit solch großem Einsatz in den Dienst der Krone stellt, wird es wohl nicht wieder geben. Jedes Jahr veröffentlicht das englische Königshaus eine Statistik darüber, wer wie viele Termine wahrnimmt. Die Queen spielte im Jahr 2019 trotz ihres hohen Alters mit über 300 Terminen ganz vorne mit.

 

Königshäuser haben auch mit Skandalen zu kämpfen. Stichwort Juan Carlos, der in einen Korruptionsskandal verwickelt ist. Welche Auswirkungen haben solche Skandale auf Monarchien?

Bischoff Sie sind für die Monarchie sehr gefährlich. Auch in Spanien gibt es Menschen, die die Monarchie abgeschafft sehen wollen. Solche Skandale sind natürlich Futter für die Gegner. Es muss vonseiten des spanischen Königshauses ganz klar Stellung dazu bezogen und die Konsequenzen getragen werden. Das wäre ihre einzige Rettung. VN-TAS

„Ich denke, Frauen gehen mit mehr Nachsicht und Milde an die Sache heran.“

“Frauen für die Krone – Eine neue Generation auf den Thronen Europas”, Lisbeth Bischoff, Amalthea Verlag; erhältlich in allen Buchhandlungen

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.