Pater Inama und seine Sehnsucht nach den beruflichen Wurzeln

Menschen / 06.10.2022 • 10:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Pater Markus Inama baute in Bulgarien ein Sozialzentrum auf und holte Kinder und Jugendliche von der Straße. <span class="copyright">Concordia (3)</span><span class="copyright"></span>
Pater Markus Inama baute in Bulgarien ein Sozialzentrum auf und holte Kinder und Jugendliche von der Straße. Concordia (3)

Markus Inama ist bekannt für seinen Einsatz im Concordia-Sozialprojekt für Straßenkinder in Bulgarien. Jetzt hat er ein Buch über sein Leben geschrieben.

Hohenems/Wien Sozialarbeit geht an die Substanz, vor allem, wenn man an der „Front“ ist. Markus Inama (59) war viele Jahre an sozialen Brennpunkten tätig. Er arbeitete unter anderem mit Menschen, die auf der Straße lebten, die keinen Ort mehr hatten, wo sie hingehen konnten. „Ich versuchte mich in ihre Situation hineinzuversetzen. Das erschütterte mich.“

Als Leiter eines Obdachlosenheimes in Wien begegnete er Menschen, die ihr halbes Leben auf der Straße verbracht hatten und trotzdem mit dem Leben ausgesöhnt waren. „Das beeindruckte mich.“ Inama lernte oft „wunderbare“ Menschen kennen, Menschen, die Schicksalsschläge nicht verkraftet und auf der Straße gelandet waren.

Der Hohenemser arbeitete auch mit Kindern und Jugendlichen aus Armenvierteln, baute in der bulgarischen Hauptstadt Sofia für den Verein „Concordia“, den der Vorarlberger Jesuitenpater Georg Sporschill gegründet hatte, ein Sozialzentrum für sozial benachteiligte junge Menschen auf. „Die Aufbauarbeit war beinhart. Es war auch nicht einfach, mit 85 Kindern und Jugendlichen unter einem Dach zu leben.“ Inama war mit Dingen konfrontiert, mit denen er lieber nicht konfrontiert gewesen wäre. „Ich sah Kinder, die an einer Überdosis starben.“

Die Kinder in Osteuropa sind dem Jesuitenpater ein Herzensanliegen.
Die Kinder in Osteuropa sind dem Jesuitenpater ein Herzensanliegen.

Rückblickend fragt sich der 59-Jährige: „Warum konnte ich diese fordernde Arbeit machen? Und wo kam meine Motivation her, dies zu tun?“ Die Antworten finden sich in seiner Kindheit. „Ich konnte mich auf solche Projekte nur einlassen, weil ich von meinen Eltern Liebe, Sicherheit und Vertrauen mitbekommen habe.“ Seine schöne Kindheit sah Inama nie als selbstverständlich an. „Aus Dankbarkeit wollte ich etwas weitergeben.“

Dass er 13 Jahre in der offenen Jugendarbeit tätig war, ist für ihn kein Zufall. „Als Jugendlicher hatte ich eine Krise. Ich wechselte in die HTL. Mit dieser Schulwahl war ich aber alles andere als glücklich.“ Diese krisenhafte Zeit, so glaubt er, hat ihn empfänglich gemacht für jene manchmal auch schwierigen Jugendlichen, mit denen er später arbeitete. „Das verband mich mit den jungen Menschen.“

Ein Foto aus Kindheitstagen. Markus Inama (der Bub mit dem blonden Haar hinten links) mit seiner Oma, seinen vier Geschwistern, seinem Cousin und seiner Großcousine.
Ein Foto aus Kindheitstagen. Markus Inama (der Bub mit dem blonden Haar hinten links) mit seiner Oma, seinen vier Geschwistern, seinem Cousin und seiner Großcousine.

Seine Eltern waren auch noch in anderer Hinsicht prägend für ihn. Sie legten den Grundstein für seinen Glauben und seinen Weg zum Priester. Beide, Mutter und Vater, waren Katholiken, die ihren Glauben im Alltag lebten. „Wir haben vor den Mahlzeiten immer gebetet, regelmäßig die Messe besucht und uns in der Pfarre engagiert. Ich war Ministrant und habe eine katholische Jugendgruppe geleitet.“

Der Glaube wurde ihm von seinen Eltern übergeben, „aber erfahren musste ich ihn selbst“. Als Inama sich nach der Matura seinen Traum erfüllte und mit dem Rucksack durch Amerika zog, las er regelmäßig in der Bibel. „Das gab mir Halt und machte mir Mut.“ Damals fing er zu beten an, nun aber nicht mehr formelhaft. „Ich hatte das Gefühl: Da ist jemand.“

Wenn der Hohenemser auf sein Leben zurückschaut, erkennt er die Führung Gottes. Nach der USA-Reise begegnete der junge Mann bei einem Jugendgottesdienst einem Steyler Missionar. Durch ihn kam er zu einem Praktikum in einem Wiener Männer-Obdachlosenheim. „Nach zwei Monaten fragte mich Pater Sporschill, ob ich das Heim leiten will.“ Der Kontakt mit Jesuiten führte dazu, dass Inama 1987 in den Jesuitenorden eintrat. Bei ihnen fand er eine (spirituelle) Heimat. „Ich hatte nach einer Lebensform und Gemeinschaft gesucht, an die ich mich binden kann.“

Markus Inama fühlt sich von Gott geführt.
Markus Inama fühlt sich von Gott geführt.

Als Jesuit studierte er Theologie und Philosophie. Danach leitete der Pater Jugendzentren in Wien und Innsbruck. „Ich habe vom Spirit der jungen Menschen profitiert.“ 2008 stieg der Geistliche in die Sozialarbeit in Osteuropa ein, holte dort Kinder und Jugendliche von der Straße. 2012 beorderte ihn der Orden für Leitungsaufgaben aus Bulgarien zurück. „Sechs Jahre leitete ich das Jesuitenkolleg in Innsbruck.“ Seit 2018 führt Inama die Wiener Jesuiten. „Ich habe das Gefühl, dass Gott auf mich schaut und ich auf einem guten Weg bin“, vertraut der Pater auch weiterhin der Führung Gottes.

Täglich versucht er seinen Leitspruch „Gott suchen und finden in allen Dingen“ zu berücksichtigen, bei allem, was er tut, auch bei der Schreibtischarbeit. Sein Wirkungskreis ist nicht mehr der soziale Brennpunkt. Aber das könnte er schon bald wieder sein. Denn der Jesuit sehnt sich zurück an die „Front“. Inama, der für die Stiftung Concordia Fundraising betreibt, hat die Kinder in Osteuropa nicht vergessen. Dass diese ihre Träume verwirklichen können, ist ihm nach wie vor ein Herzensanliegen. „Mein Wunsch ist es, wieder nach Osteuropa zu gehen und dort zu bleiben.“   

Das neue Buch von Pater Markus Inama.
Das neue Buch von Pater Markus Inama.

Markus Inama

geboren 28. Dezember 1962 in Hohenems

Wohnort Wien

Hobbys Gitarre spielen, Schwimmen, Inline Skaten, Schlittschuhlaufen

Buchpräsentation: Markus Inama liest aus seinem Buch “Einen Atemzug über mich hinaus” heute, Donnerstag, um 20 Uhr in der Bücherei Hohenems, Marktstraße 1 a.

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