“Es muss nicht immer Thomas Mann sein”

Menschen / 30.11.2022 • 22:11 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Christine Westermann ist auch als Literaturkritikerin tätig. 
              
              Verlag Kiepenheuer & Witsch/Ben Knabe

Christine Westermann ist auch als Literaturkritikerin tätig.

Verlag Kiepenheuer & Witsch/Ben Knabe

Christine Westermann über ihr neues Buch und warum sie keine Lieblingsromane hat.

Köln Sie moderierte die Kultsendung „Zimmer frei!“, war ständiges Mitglied des „Literarischen Quartetts“ und betätigt sich nach wie vor als Literaturkritikerin im Radio und bei Zeitschriften: Christine Westermann. Außerdem schreibt die 73-Jährige selber Bücher, ihr neuestes heißt „Die Familien der anderen – mein Leben in Büchern“ und dreht sich um Literatur. 

 

Frau Westermann, in Ihrem neuen Buch geht es um Literatur. Warum heißt es „Die Familien der anderen“?

Westermann Ich lese bevorzugt Familiengeschichten und Beziehungsromane. Mag auch daran liegen, dass ich eine angedellte Kindheit hatte. Mich interessiert, wie es in anderen Familien funktioniert. Ich tauche in Büchern in die Familien der anderen ein, daher der Titel.

 

Als roter Faden zieht sich „Der Zauberberg“ von Thomas Mann durch Ihr Buch, der Roman wird immer wieder mal zitiert. Warum?

Westermann Weil ich immer das Gefühl hatte, zu wenig Klassiker der Weltliteratur gelesen zu haben. Deshalb habe ich mir vor Kurzem den „Zauberberg“ vorgenommen.

 

Lassen Sie sich denn auch von weniger anspruchsvoller Literatur verzaubern?

Westermann Es stellt sich ja immer die Frage, was der eigene Anspruch ist, wenn man ein Buch liest. Will ich mich nur locker unterhalten lassen, oder will ich Bücher lesen, wo am Ende etwas nachhallt? Aber um Ihre Frage zu beantworten: Es muss nicht immer Thomas Mann sein (lacht).

Mit dem Begriff Lieblingsbücher tun Sie sich schwer, wie Sie schreiben. Aber haben Sie denn Lebensbücher, die Sie immer mal wieder lesen?

Westermann Nein, dafür aber immer wieder aktuelle, bei denen ich sage: Lesen! Welche Themen mich interessieren, hängt oft mit der eigenen Lebenssituation zusammen, in der ich gerade bin.

 

Sie haben noch kein einziges Buch verrissen, schreiben Sie – warum nicht?

Westermann Weil ich Empfehlungen abgebe, den Leuten also sagen will, was ich für lesenswert halte – und mir nicht anmaßen will, ihnen zu sagen, was sie sich meiner Meinung nach sparen können.

 

Einem breiten TV-Publikum sind Sie mit der Sendung „Zimmer frei!“ bekannt geworden, die Sie von 1996 bis 2016 gemeinsam mit Götz Alsmann moderiert haben. Vermissen Sie die Show?

Westermann Manchmal sehe ich im Fernsehen gute Typen und denke mir, die hätten auch prima zu „Zimmer frei“ gepasst. Aber es ist gut, dass wir nach 20 Jahren aufgehört haben, weil wir entscheiden konnten, wann und wie wir gehen wollen.

 

Und das „Literarische Quartett“, bei dem Sie von 2015 bis 2019 mitgemacht haben?

Westermann Vermissen würde ich nicht sagen, aber manchmal fehlt mir die Herausforderung.

 

Im Buch blicken Sie durchaus kritisch auf die Sendung zurück.

Westermann Stimmt, und zwar deshalb, weil ich dort nie so ganz die Christine Westermann war, die ich hätte sein können, nämlich eine ganz normale, geradlinige Buch-Empfehlerin ohne Literaturstudium im Hintergrund. Unterm Strich heißt das: Da hätte ich mich besser verkaufen können. maw

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