Denken in Dreidimensionalität

Menschen / 03.01.2023 • 16:50 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Dietmar Frei verbringt viel Zeit mit Schnitzen in seinem Atelier.
Dietmar Frei verbringt viel Zeit mit Schnitzen in seinem Atelier.

Dietmar Frei schloss in der Pensionierung eine Ausbildung als Bildhauer ab.

NÜZIDERS Der Geruch von Holz erinnert Dietmar Frei an seine Kindheit: „Mein Papa war Wagnermeister, was damals schon ein aussterbendes Gewerbe war. Sobald ich laufen konnte, durfte ich ihn in seine Wagnerei begleiten.“ In der Werkstatt roch es intensiv nach Eschenholz. Schon sein Urgroßvater und Großvater waren Wagnermeister, das Faible für das Arbeiten mit Holz übertrug sich auch auf die folgende Generation: „Mein Vater hat auch Leiterwagen und Rodel erzeugt. Außerdem absolvierte er bereits 1927 einen Kurs in Oberösterreich, in dem er lernte, Skier zu machen. Er hat immer wieder mit Begeisterung davon erzählt, wie er von seinem Göti sechs Groschen bekam, um zwei Paar Ski herzustellen. Diese zog er auf einem Schlitten zum Weihnachtsmarkt nach Bludenz, als Standgebühr fielen zwei Groschen an, für eine Suppe ebenfalls und die beiden letzten Groschen benötigte er für die Beize der Skier.“ Bis in die frühen 1970er-Jahre produzierte sein Vater vor allem Kinder- und Jugendski, dann kamen die ersten Metallskier auf.

Vom Banker zum Bildhauer

Dietmar Frei entschied sich für eine kaufmännische Ausbildung, schlussendlich arbeitete er fast vierzig Jahre lang als Anlageberater in einer Bank in Bludenz. Es war eine Arbeit, die ihm Freude bereitet hatte. Aufgeschlossen und wissbegierig wie der gebürtige Nüziger war, interessierte er sich auch stets für andere Dinge wie etwa dem Schnitzen: „Ich habe immer wieder mit Holz etwas gestaltet. Zuerst habe ich einen Kerbschnitzkurs bei der Volkshochschule Bludenz besucht. Die Fazination für die Arbeit mit Holz hat mich seither immer begleitet. Um in diesem Metier weiterzukommen, habe ich schließlich einen einwöchigen Schnupperkurs in der Schnitzschule Elbingenalp im Tiroler Lechtal besucht. Das war sehr spannend, ich war begeistert.“ Er sei voller Euphorie nach Hause gekommen, habe einen Holzklotz hergenommen und wollte mit den neugewonnenen Kenntnissen einen Kopf gestalten: „Aber das hat sich dann ohne Anleitung durch einen Lehrer als sehr kompliziert herausgestellt. Also ließ ich es wieder eine zeitlang bleiben.“ Als im Jahr 2009 die Pensionierung erfolgte, nützte er die Gelegenheit, um die Bildhauerei von der Pike auf zu erlernen: „Viele Bekannte haben gemeint, ich sei doch nicht ganz normal, nach 45 Jahren noch einmal die Schulbank zu drücken. Aber die Ausbildung in Elbingenalp war äußerst bereichernd. Was mir besonders gut gefallen hat, war der Austausch mit den jüngeren Mitschülern, die nahezu alle in einem verwandten Lehrberuf gearbeitet hatten. Wir diskutierten und philosophierten – es war eine wunderbare Zeit.“ An sich ist die Ausbildung als Bildhauer auf vier Jahre angelegt, Dietmar Frei gönnte sich drei zusätzliche Jahre: „Für mich ist das Bildhauen ein Hobby, ich bin finanziell nicht darauf angewiesen, meine Skulpturen verkaufen zu müssen.“ Mit 68 Jahren schloss er seine Ausbildung in Wien mit Auszeichnung ab.

Meditative Herangehensweise

Sein Atelier befindet sich im unteren Stock seines Wohnhauses in Nüziders, das er mit seiner Frau Erna bewohnt. Erna ist auch die erste Kritikerin seiner Werke, wie er humorvoll anmerkt. Seine bevorzugten Sujets sind sakrale Elemente, so gestaltete er für den Jakobsweg, der an Maria Brünnele in Nüziders vorbeiführt, zwei Figuren, nämlich eine Madonna und einen Jakob. Aber auch moderne, abstrakte Skulpturen reizen ihn als Motiv: „Ich finde es spannend, was die Betrachter sodann in meine Figuren hineininterpretieren.“ Neben Holz bearbeitet der engagierte Künstler auch Ton und Stein: „Einen Stein zu bearbeiten, ist viel intensiver als eine Holzbearbeitung. Ich bin teilweise wochenlang damit beschäftigt. Es ist nicht nur eine handwerkliche, sondern auch eine mentale Tätigkeit.“ Er erklärt sogleich fachkundig die unterschiedlichen Bearbeitungsformen von Marmor aus Carrera, griechischem Thalassos-Stein, Jura-Kalkstein aus der Schweiz oder etwa indischem Sandstein. Letzterer sei überhaupt nicht schleifbar, sondern könne nur mit dem Meißel bearbeitet werden. Seine Anregungen entstehen auf Reisen, von Fotos oder aus dem Internet: „Für mich bleibt die Neugierde, ein zweidimensionales Objekt in eine Dreidimensionalität, die eine Tiefenwirkung erzielt, zu führen. Ich kann mir das sogleich bildlich vorstellen. Das ist eine Gabe, die mir in die Wiege gelegt wurde und für die ich sehr dankbar bin.“ BI

„Viele Bekannte haben gemeint, ich sei doch nicht ganz normal, nach 45 Jahren noch einmal die Schulbank zu drücken.“

Auch Steinkunde, Wappenkunde, Kunstgeschichte, Ornamentik und Anatomie, Modellieren mit Ton, Marmorieren und Vergolden standen auf dem Lehrplan.
Auch Steinkunde, Wappenkunde, Kunstgeschichte, Ornamentik und Anatomie, Modellieren mit Ton, Marmorieren und Vergolden standen auf dem Lehrplan.
Eine moderne Skulptur aus Zirbe, die vielseitig interpretierbar ist.
Eine moderne Skulptur aus Zirbe, die vielseitig interpretierbar ist.
Das Ehepaar Erna und Dietmar Frei: Erna ist die erste Kritikerin seiner Werke.BI (5)
Das Ehepaar Erna und Dietmar Frei: Erna ist die erste Kritikerin seiner Werke.BI (5)

Zur Person

DIETMAR Frei

Geboren 8. April 1949

Familie verheiratet mit Erna, drei Kinder, sechs Enkel

Wohnort Nüziders

Hobbys Bergsteigen, Wandern und Bildhauen

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.