Der inszenierter Alltag des Jeff Wall

Bildband über die Ausstellung “Living, Working, Surviving” des berühmten Fotografen.
Schwarzach Die Werke von Jeff Wall, die sich mit den Nöten, Routinen und prekären Bedingungen der arbeitenden Bevölkerung auseinandersetzen, stehen im Zentrum des Buchs Jeff Wall: Living, Working, Surviving. Der Band begleitet eine große Retrospektive, die derzeit in der Fondazione MAST, der Galerie für Fotografie und Medienkunst in Bologna, bis zum 8. März zu sehen ist. Die Ausstellung ist Teil der siebten Ausgabe von Foto/Industria, der Biennale für Industrie- und Arbeitsfotografie, und versammelt 28 Arbeiten aus den Jahren 1980 bis 2021. Den Essay des Katalogs, der in einer englisch-italienischen Ausgabe mit deutscher Textbeilage erscheint, verfasste der Schweizer Kunsthistoriker Urs Stahel, der die Ausstellung auch kuratiert hat.
„Living, Working, Surviving” zeichnet die Karriere des 1946 in Vancouver geborenen kanadischen Künstlers anhand von 28 Schlüsselwerken nach, die zwischen 1980 und 2021 entstanden sind. Gezeigt werden Leuchtkästen ebenso wie großformatige Farb- und Schwarz-Weiß-Drucke aus internationalen Museen und bedeutenden Privatsammlungen. Im Mittelpunkt stehen Menschen bei der Arbeit, beim Umziehen, Gehen, Warten oder Innehalten – einfache Gesten des Alltags, die bei Jeff Wall jedoch niemals beiläufig bleiben.
Auf den ersten Blick wirken diese Fotografien wie zufällige Momentaufnahmen aus dem Leben der urbanen Gesellschaft. Doch dieser Eindruck täuscht. Walls Bilder sind sorgfältig konstruierte Szenen, komplexe Kompositionen von Ereignissen, die so nie stattgefunden haben. Gerade aus dieser Spannung zwischen scheinbarer Dokumentation und präziser Inszenierung entfalten sie ihre Wirkung. Sie lassen Raum für Deutung, laden zum wiederholten Betrachten ein und eröffnen Bedeutungsfelder, die sich nicht festlegen lassen.

Thematisch spiegeln die Arbeiten die sozialen Dynamiken und Widersprüche westlicher Gesellschaften wider. Wall richtet seinen Blick sowohl auf die Mittelschicht als auch auf marginalisierte Gruppen, auf Menschen, deren Existenz von Arbeit, Unsicherheit und Anpassung geprägt ist. Seine Fotografien zeigen keine dramatischen Höhepunkte, sondern verdichtete Situationen, in denen sich soziale Realität, ökonomischer Druck und individuelle Haltung überlagern. Der Alltag erscheint darin als fragile Ordnung, in der jede Bewegung und jede Geste eine soziale Position markieren.
Formal hat Jeff Wall die Fotografie entscheidend geprägt. Mit der Einführung der Leuchtkästen Ende der 1970er Jahre überführte er ein vertrautes Medium aus Werbung und urbanem Raum in den Kontext der Kunst. Diese leuchtenden Bildflächen entfalten eine besondere Präsenz, ziehen den Blick an und erzeugen eine Nähe, die an Theater und Kino erinnert. Später ergänzte Wall sein Werk um Schwarz-Weiß-Fotografien, die er selbst als bewusste Gegenbewegung zu den farbintensiven Dias verstand, sowie um großformatige Farbdrucke, die das Verhältnis von Sichtbarkeit und Zurückhaltung neu austarieren.
Walls Fotografien sind keine Reportagen, sondern präzise Beobachtungen des Alltags arbeitender Menschen, die diesen ernst nehmen und zugleich in eine bildnerische Form überführen, die den Betrachter fordert. „Living, Working, Surviving” zeigt Jeff Wall als einen Künstler, der den modernen Alltag in all seiner Ambivalenz, seinem Kampf und seiner stillen Würde sichtbar macht.