Lisa Totzauer unternimmt zweiten Anlauf für ORF-Spitze

Ticker / 09.06.2026 • 11:01 Uhr
Lisa Totzauer unternimmt zweiten Anlauf für ORF-Spitze

Sie war die erste Bewerberin, die sich heuer aus der Deckung gewagt hat und ist die einzige unter den Favoriten, die bereits vor fünf Jahren im Rennen um die ORF-Generaldirektorin war: Lisa Totzauer will es erneut wissen. Die ORF-Magazinchefin erhielt 2021 fünf von 35 Stimmen. Fünf Jahre später stellt sie mit Blick auf den ORF fest: “Die Herausforderungen sind immer noch da. Jemand muss sie endlich angehen.”

Die Mittfünfzigerin aus Wien will mit einem “tiefen Verständnis” vom ORF und Reformdrang punkten. Immerhin ist sie seit 30 Jahren im öffentlich-rechtlichen Medienhaus tätig und “weiß von den Stärken und Schwächen und in der Sekunde, was zu tun ist”, wie sie anlässlich ihrer Bewerbung festhielt. Dass nach den ORF-Turbulenzen der jüngeren Vergangenheit eine Person von außen gefragt sei, um aufzuräumen, sieht sie nicht so. “Viele Probleme können nur von innen heraus überwunden werden”, meinte sie. Man müsse den ORF-Auftrag “fühlen, wollen und verstehen”.

Seit den 90er-Jahren im ORF

Totzauer ist seit Mitte der 90er-Jahre im ORF tätig. Die Magistra der Vergleichenden Literaturwissenschaft war u.a. im Aktuellen Dienst des Landesstudio Niederösterreich, in der “Zeit im Bild”-Redaktion und später als “ZiB”-Sendungsverantwortliche im Einsatz. Von 2013 bis 2018 war sie Infochefin von ORF 1 und stieg daraufhin zur Channelmanagerin von ORF 1 auf, wobei sie angesichts der Sogwirkung vieler Streamingplattformen auf vor allem junge Zielgruppen keinen leichten Job übernommen hatte.

Schon 2010 galt sie als aussichtsreiche Bewerberin für die Leitung der TV-Magazine – was sie aber letztlich erst zwölf Jahre später werden sollte. Dabei wurde sie von Roland Weißmann, dem sie bei der ORF-Generaldirektorenwahl unterlegen ist, zur Hauptabteilungsleiterin “Magazine und Servicesendungen” bestellt.

2016 wurde sie vom Branchenmagazin “Der Österreichische Journalist” mit einem Sonderpreis für Innovation geehrt und 2018 zur Medienlöwin in Gold gekürt. Totzauer zeichne aus, dass sie bei den Neubesetzungen von ORF-Toppositionen “nicht nur die einzige Frau unter den Beförderten” war, “sondern auch die Einzige, deren Qualifikation über jeden Zweifel erhaben war”, hieß es damals in der Begründung.

Nicht verwalten, sondern retten

In ihrem Konzept für die ORF-Generaldirektion hält sie fest, dass sie sich nicht bewirbt, um zu verwalten, sondern weil der “ORF eine demokratische Institution ist, die jetzt gerettet werden muss”. Sie sieht das größte Medienhaus des Landes mit einer Glaubwürdigkeitskrise, einer wirtschaftlichen Krise und einer Konkurrenzkrise konfrontiert.

Der ORF müsse sich laut Totzauer über authentische, qualitativ hochwertige Abbildung österreichischer Lebensrealitäten definieren. Darin liege sein “unersetzbarer Wert”. Wird sie zur nächsten ORF-Chefin gewählt, will sie die “größte Publikumskonsultation der ORF-Geschichte” durchführen, um die Ergebnisse in die Programmstrategie einfließen zu lassen.

“Weniger Hast, mehr Einordnung”

In der Info will sie für “weniger Hast, mehr Einordnung” und “weniger Meinung, mehr Fakten” sorgen sowie ein vollausgebautes ORF-Verifikationszentrum nach dem Vorbild von BBC Verify etablieren. Wissenschaft soll aufgewertet und das Korrespondentennetz ausgebaut werden – etwa durch Büros in Polen und Kanada. Den Kulturbegriff sieht sie im ORF zu stark auf klassische Hochkultur begrenzt und generell weibliche Formate und junge Comedy stark unterrepräsentiert. Hier müsse investiert werden, so Totzauer. Medienkompetenz müsse zudem vom Rand ins Zentrum der ORF-Strategie rücken.

ORF ON erachtet sie als digitales Herzstück, das zur zentralen Plattform des ORF werden müsse. Dafür will sie u.a. die Nutzererfahrung verbessern, ORF Sound vollständig integrieren und eine stärkere Vernetzung zu ORF.at herstellen. Die regionalen Inhalte aller Landesstudios – die generell vom Zulieferbetrieb zu “Content-Kraftwerken” werden sollen, die auch eigenständig digitale Inhalte für ORF ON produzieren – sollen sichtbarer werden.

Mit Blick auf junge Zielgruppen will sie gezielt mit jungen Content-Produzentinnen und -Produzenten zusammenarbeiten. Auf Youtube, TikTok, Instagram und Co. müsse ein “konsequenter Aufbau” von Community vorangetrieben werden.

Auf Ö3 soll laut der Anwärterin auf den ORF-Topjob mehr österreichische Musik gespielt werden und FM4 als Experimentierfeld für neue Audioformate fungieren. ORF Sport+ will sie vom linearen Spartenkanal zur digitalen Sportplattform transformieren.

Zu den ORF-Finanzen hält Totzauer fest, dass zu viel Geld in Verwaltung und Technik und zu wenig ins Programm fließe. Einsparungen will sie durch die Konsolidierung von Führungsstrukturen, weniger Geschäftsführergehälter und weniger Verwaltungsparallelen ermöglichen. Eine pauschale Nachbesetzungssperre strebt sie nicht an, aber sehr wohl eine Bewertung jeder frei werdenden Stelle auf deren Relevanz.

Schlankere Direktionsstruktur

Die Direktionsstruktur würde unter Totzauer verschlankt werden. Statt der gegenwärtigen vier Direktionen – Finanzen, Radio, Programm, Technik – will sie die Programmagenden zu sich in die Generaldirektion holen und dort auch die Information samt Verteidigung der redaktionellen Unabhängigkeit belassen. Abseits von ihr gäbe es noch einen Chief Operating Officer (COO), der sich um Organisation, Ressourcen, Personal, Budget, Verwaltung, Compliance und Transformation der Arbeitskultur kümmert. Ein Chief Technology Officer (CTO) wäre für die technologische Infrastruktur, digitale Plattformen, IT-Strategie und KI-Integration zuständig.