Alter als Aussichtsturm

04.04.2025 • 19:29 Uhr
Walter Fink

Kommentar von Walter Fink

Alexander Mitscherlich, einer der wichtigen Philosophen der 68er-Generation, meinte: „Viele möchten leben, ohne zu altern, und sie altern in Wirklichkeit, ohne zu leben.“ Das ist so ziemlich die schlimmste Vorstellung bei einem Rückblick auf bisheriges Leben – egal, wie alt man gerade wird. Die Jahre mit Leben füllen, nicht das Leben mit Jahren, das sollte doch das Ziel sein. Ich bitte um Nachsicht, wenn ich so sonderbare Sprüche an den Anfang stelle – aber heute ist mir darum. Heute habe ich Geburtstag. Nicht um Glückwünsche zu erheischen sage ich das, vielmehr sollte es darum gehen, auch einen solchen Tag mit Leben zu füllen, auch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit – und doch voller Freude und mit Festlichkeiten. Nicht mit Leichtfertigkeit sollte man an den Geburtstag denken, denn es ist immerhin der Tag, der einen auch für den Tod vorbestimmt. Kein Anfang ohne Ende, keine Geburt ohne „memento mori“, ohne an das Letzte zu denken. Trotzdem: Ein Tag, an dem Traurigkeit keinen Platz hat. Wie so oft halte ich es mit Altmeister Johann Wolfgang von Goethe, der in den „Wahlverwandtschaften“ geschrieben hat: „“Jedes Jahrzehnt des Menschen hat sein Glück, seine eigenen Hoffnungen und Aussichten.“ Also: Alter ist nicht wichtig, wichtig ist der Umgang mit dem Alter, auch wenn man da manchmal Trugschlüssen unterliegt. Der Vergleich aber könnte hilfreich sein, wie man bei Heinrich Böll nachlesen kann: „Wie alt man gerade geworden ist, sieht man an den Gesichtern derer, die man jung gekannt hat.“

Es ist nicht zu übersehen: Ich halte mich heute an Aussagen von weisen Menschen, die sich mit dem Alter beschäftigt haben, Dichter natürlich vor allem. Denn ich gehe davon aus, dass ihnen viel Klügeres zu diesem Thema eingefallen ist, als mir je in den Sinn kommen könnte. So hat zum Beispiel der erst gut zwanzigjährige Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht-Zyklus „Mir zur Feier“ geschrieben: „Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern /die einsamste Stunde steigt, / die, anders lächelnd als die andern Schwestern, / dem Ewigen entgegenschweigt.“ Ein wunderbares Bild des Älterwerdens hat der Philosoph Arthur Schopenhauer gezeichnet: „Wie man, auf einem Schiffe befindlich, sein Vorwärtskommen nur am Zurückweichen und demnach Kleinerwerden der Gegenstände auf dem Ufer bemerkt, so wird man sein Alt- und Älterwerden daran inne, dass Leute von immer höheren Jahren einem jung vorkommen.“

Man sieht, besser: man liest, es kann einem viel einfallen zum Geburtstag und zum Älterwerden. Zum Beispiel auch, dass „das Alter ein Aussichtsturm ist“, wie der deutsche Dichter Hans Kasper in „Revolutionäre sind Reaktionäre“ schreibt. Und Oscar Wilde meint zu Altersangaben: „Man sollte nie einer Frau trauen, die einem ihr wirkliches Alter verrät. Eine Frau, die einem das erzählt, würde einem auch alles andere erzählen.“ Aber der Klassiker ist nach wie vor Johann Nestroy, der in seinem Stück „Die Anverwandten“ schreibt: „Lang leben will halt alles, aber alte werden will kein Mensch.“