In guten wie in schlechten Tagen

Paul Verzetnitsch ist für seine kranke Frau aufopferungsvoll da.
Bludenz In guten wie in schlechten Tagen: Bei Ingrid und Paul Verzetnitsch sind das mehr als nur Worte. „Wir waren immer eine Einheit“, sagt Paul Verzetnitsch (87) versonnen. Jetzt trennt ihn ein Stockwerk im Sozialzentrum der SeneCura in Bludenz von seiner Frau. Die 96-Jährige wurde nach einem Sturz und der dabei aufgetretenen schweren Hirnblutung immer pflegebedürftiger. Bis es nicht mehr ging, kümmerte sich Paul Verzetnitsch trotz seines ebenfalls fortgeschrittenen Alters liebevoll um Ingrid, mit der er in einer betreuten Wohnung im Sozialzentrum lebte. Die räumliche Trennung fiel dem seit 60 Jahren verheirateten Paar schwer. „Die ersten paar Wochen waren wir beide kreuzunglücklich,“ schildert Paul. Dann trat Gewöhnung ein. Inzwischen ist Ingrid auch noch an Demenz erkrankt. Es gibt gute und weniger gute Zeiten, aber: „Mich erkennt sie immer“, ist Paul Verzetnitsch dankbar dafür.

Vor den Vorhang
Menschen, die sich um andere kümmern, ob auf professionelle Weise oder als Angehörige, sind ein wesentliches Rückgrat unseres Gesundheitssystems. Der Vorarlberger Pflegeaward soll diese Bemühungen für einmal öffentlich machen. Die Auszeichnungen werden am „Tag der Pflege“ am 12. Mai im Arbeiterkammer-Saal in Feldkirch erstmals vergeben. Über 500 Nominierungen langten ein. Alle hätten sich einen Platz auf der Bühne verdient. Stellvertretend für jene, die heuer leer ausgegangen sind, holen wir Paul Verzetnitsch vor den Vorhang. Die Fürsorge, die er seiner kranken Frau im Alltag nach wie vor angedeihen lässt, kennt keine Grenzen, nur unendlich viel Liebe.
Maturatreffen ins Glück
Kennengelernt haben sich Paul und Ingrid in der damaligen Arbeitermittelschule in Wien. Nach der Matura verloren sie sich jedoch aus den Augen. Jeder ging seiner Wege. Ingrid Baxa, gebürtige Niederösterreicherin, wurde Lehrerin, Paul aus Wien absolvierte eine Ausbildung zum Werkstoffprüfer. „Ich verbrachte mein ganzes Berufsleben in Laboren“, bemerkt er mit einem verschmitzten Lächeln. Ein Maturatreffen in der Bundeshauptstadt führte die AHS-Professorin und den Werkstoffprüfer endlich zusammen. „Es hatte geschneit und sie war mit dem Rad da“, erzählt Paul. Er habe ihr angeboten, sie nach Hause zu fahren. Ihre Antwort: „Aber nur, wenn das Rad auch ins Auto passt.“ Letztlich passte trotz des Altersunterschieds alles. Er spielte zu keiner Zeit eine Rolle im Leben von Ingrid und Paul. Seine Frau, die 1945 nach Bludenz kam, wurde sogar so sehr Vorarlbergerin, dass sie es auch als Mundartdichterin zu Bekanntheit brachte. „Ich habe den Dialekt nie erlernt.“ Paul schmunzelt.

Sein Geburtstagswunsch
Der Sturz veränderte das Leben des Paares dann gravierend. Vier Jahre lang betreute Paul Verzetnitsch seine Frau vorwiegend alleine. Einmal in der Woche kam der Krankenpflegeverein, um beim Duschen der Patientin zu helfen. Was noch anfiel erledigte er selbst. Ärztliche Kontrolltermine mussten eingehalten, Krankentransport angefordert und Ingrid zur Logopädie- und Physiotherapie begleitet werden. Paul tat alles, um seiner Frau immer wieder auch neuen Lebensmut zu vermitteln. Dazu gehörten regelmäßige Ausflüge auf den Muttersberg. Die sind inzwischen seltener geworden. Ingrid hat kaum noch Kraft dafür. Paul ist nun anders für sie da. Gleich nach dem Frühstück schaut er nach ihr, hilft ihr beim Essen, achtet darauf, dass sie sich beim Kaffeetrinken nicht verschluckt, schneidet ihr Apfelschnitze mundgerecht zu. Er fährt sie im Rollstuhl spazieren, wenn es ihr Gesundheitszustand erlaubt. „Ich will so viel wie möglich bei ihr sein“, bekräftigt der rüstige Senior. Am Montag, 12. Mai, hat Paul Verzetnitsch Geburtstag. Was er sich wünscht? „Dass wir knapp hintereinander sterben. Ich mag nicht lange ohne Ingrid sein.“


