Hatte Cäsar Plattfüße?

16.01.2026 • 10:01 Uhr
Hatte Cäsar Plattfüße?

VN-Kommentar von Walter Fink.

Immer wieder kann man von bedeutenden Fortschritten in der wissenschaftlichen Forschung lesen, die ob ihrer Unvorstellbarkeit fast sprachlos machen. Man glaubt ja gar nicht, was alles untersucht wird, wofür sich die Menschen ihre kostbare Zeit nehmen, um uns dann mit den großartigen Ergebnissen zu überraschen. Die Menschheit macht eben, wie das schon Erich Kästner in seinem Gedicht „Die Entwicklung der Menschheit“ festgestellt hat, Fortschritte. Kästner beginnt: „Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt, / behaart und mit böser Visage. / Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt / und die Welt asphaltiert und aufgestockt, / bis zur dreißigsten Etage.“ Es geht also weiter mit uns Menschen – auch bei Kästner: „Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn, / in zentralgeheizten Räumen. / Da sitzen sie nun am Telefon. / Und es herrscht noch genau derselbe Ton / wie seinerzeit auf den Bäumen.“
Das Gedicht stammt aus der Sammlung „Gesang zwischen den Stühlen“ aus dem Jahre 1932, einer Zeit, in der sich Kästner vor allem mit Satiren und politischen Texten zu einem der wichtigsten deutschen Autoren entwickelte. Immer wieder nahm er vor allem mit seinen Gedichten auch gesellschaftliche Entwicklungen aufs Korn. Auch die Wissenschaft hatte es ihm angetan, die sich in der damals politisch bewegten Zeit mit Themen beschäftigte, die Kästner nicht nachvollziehen konnte. Auch bei uns gibt es solch lustige Forschungen, wenn etwa vor wenigen Tagen zu lesen war, dass ein amerikanisches Forschungsteam meint, auf einer möglicherweise Leonardo da Vinci zugeschriebenen Zeichnung seine DNA entdeckt zu haben. Wie gesagt, die Zeichnung „wird stilistisch mit da Vinci in Verbindung gebracht“ und wird einem „Kreis aus der Toskana“ zugeordnet. Das ist wohl das, was Kästner mit diesen Zeilen meint: „Sie hören weit. Sie sehen fern. / Sie sind mit dem Weltall in Fühlung. / Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern. / Die Erde ist ein gebildeter Stern / mit sehr viel Wasserspülung. (…) Was ihre Verdauung übriglässt, / das verarbeiten sie zu Watte. / Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest. /Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest, / dass Cäsar Plattfüße hatte.“
Genau da sind wir jetzt. Ob Cäsar oder da Vinci – einerlei. Ernsthafte Wissenschaftler forschen an Dingen, die wir angesichts des Zustandes der Welt als nicht unbedingt lebenswichtig erachten. So auch bei Kästner, man beachte die Entstehungszeit 1932, ein Jahr vor Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland. Aber, um aufkommender Kritik vorzubeugen: Ich bin – wie übrigens auch Kästner – ein glühender Anhänger der Orchideenfächer, davon auch, dass wissenschaftliche Forschung frei und fern von Erfolgsnotwendigkeit sein muss. Und trotzdem fragt man sich, was manche Erkenntnisse sollen. Wie Kästner zum Schluss: „So haben sie mit dem Kopf und dem Mund / den Fortschritt der Menschheit geschaffen. / Doch davon mal abgesehen und / bei Lichte betrachtet sind sie im Grund / noch immer die alten Affen.“